MMaterialNews vom 15.12.2009

Wenn der Stahl mit der Keramik ...

+ + + "Sintercladding": Neues Verfahren für extrem robuste Beschichtungen + + + Werkstoff-Innovationspreis 2009 an RUB-Maschinenbauer verliehen + + +
Nur die besten Eigenschaften von Stahl und Keramik kombiniert der Bochumer Maschinenbauer Dr.-Ing. Sebastian Weber in einem neuen Verfahren, um extrem robuste Schichten für Bauteile herzustellen. "Zäh wie Stahl und hart wie Keramik" sind die hoch verschleißbeständigen Beschichtungen, hergestellt aus Pulvern im so genannten Sintercladding. Das Ergebnis birgt ein enormes Sparpotenzial, fallen doch in Deutschland jedes Jahr Bauteile im Wert von 60 Milliarden Euro dem Verschleiß zum Opfer. Für seine Entwicklung erhielt Dr. Weber den mit 2.500 Euro dotierten Werkstoff-Innovationspreis 2009 von ThyssenKrupp.

Das Problem: dem Verschleiß standhalten

Ob Walzen, Pressen oder Prägewerkzeuge: Für zahlreiche Anwendungen im Maschinenbau werden Bauteile benötigt, die einer dauerhaften Belastung und dem Verschleiß so lange wie möglich standhalten müssen. Im Idealfall bzw. Modell bearbeitet ein hartes Werkzeug ein weicheres Werkstück oder Mahlgut - zum Beispiel Walzen, die mineralische Güter zerkleinern, oder Prägestempel zur Herstellung von Münzen. In der Praxis ist das bearbeitete Gut häufig nicht so weich - dann prägt die Münze den Stempel und das Mineral schmirgelt die Walze nach und nach dünner.

Vermählt: Stahl und Keramik

Selbst der härteste Stahl hat unter groben Verschleißbedingungen keine lange Lebensdauer. Wesentlich härter sind dagegen Keramiken. Die Lebensdauer einer Keramikwalze könnte weitaus höher liegen - leider "zerplatzt" dieser Lösungsansatz schon am ersten größeren Gesteinsbrocken. "Denn so hart die Keramik sein mag, sie ist auch außerordentlich spröde", sagt Sebastian Weber. Zum Einsatz etwa bei der Mineralzerkleinerung kommen daher schon länger Komposite aus Stahl und Keramik in einem aufwändigen und teuren Herstellungsprozess.

Etabliert, aber teuer: HIP

Beim heiß-isostatischen Pressen - HIP oder HIP-Verfahren genannt - vermischen sich ein beliebiges Stahl- und ein genauso beliebig wählbares Keramikpulver. Diese Pulvermischung wird anschließend in eine Kapsel gefüllt, die evakuiert und anschließend zugeschweißt wird. Bei einem Druck von etwa 1000 bar und einer Temperatur von 1150°C entsteht aus den beiden Pulvern ein zu 100 Prozent dichter Werkstoff, ohne dass dabei eine Komponente flüssig ist. Im Gegensatz zum HIP ist das klassische Schmelzen und Gießen von Stahl wesentlich kostengünstiger. Allerdings sind die Kombinationsmöglichkeiten von Keramik und Stahl beim Schmelzen stark eingeschränkt. "Und wie es der Zufall will, lassen sich die besonders verschleißbeständigen Kombinationen nicht durch Schmelzen herstellen", so Weber.

Die Lösung: Sintern mit Flüssigphase

Am Lehrstuhl für Werkstofftechnik (Inhaber: Prof. Dr.-Ing. Werner Theisen) hat Sebastian Weber nichts dem Zufall überlassen. Die einfache Idee: Auch beim HIP-Verfahren kommt es auf die richtige Mischung an - mit dem Ziel, vom Preis her näher am Schmelzen und von den erzeugten Kompositen her näher an den HIP-Werkstoffen zu liegen. Beim Sintercladding entfällt das isostatische Pressen bei hohem Druck. Da der Druck aber für die Verdichtung des Pulvers sorgt, braucht man einen Ersatz - eine flüssige Phase, indem man die Temperatur von vorher 1150°C auf etwa 1250°C erhöht. Dabei schmilzt ein Teil des Stahlpulvers auf, die Keramik jedoch nicht. Durch die engen Pulverzwischenräume entstehen große Kapillarkräfte, die die flüssige Phase gleichmäßig im Bauteil verteilen. Da die flüssige Phase das Pulvergemisch auch beweglicher macht, reichen die Kapillarkräfte aus, um das Bauteil vollständig zu verdichten. Erwärmt man die Pulvermischung nun gemeinsam mit einem massiven Grundkörper (Substrat), so lassen sich auf einfache Art und Weise dicke, verschleißbeständige Schichten herstellen.

Der Werkstoff-Innovationspreis

ThyssenKrupp ist ein langjähriger Kooperationspartner der Bochumer Fakultät für Maschinenbau. Das Unternehmen gehört zudem federführend dem Industriekonsortium an, das zusammen mit dem Land NRW das Materialforschungszentrum ICAMS der RUB finanziell unterstützt. Seit 2002 verleiht ThyssenKrupp den Werkstoff-Innovationspreis an Forscher der Ruhr-Universität, die in der Erforschung, Entwicklung und Anwendung von Werkstoffen Herausragendes leisten. Der diesjährige Preisträger Dr. Sebastian Weber ist derzeit Mitarbeiter einer gemeinsamen Forschergruppe der RUB und des Helmholtz-Zentrums Berlin. Den Preis erhielt er für seine Dissertation "Gezielte Ausnutzung des Stofftransports zur Herstellung neuartiger PM-Hartverbundwerkstoffe auf Eisenbasis".

Quelle: Ruhr-Universität Bochum / 14.12.2009.

Weitere Informationen

Dr.-Ing. Sebastian Weber
Tel. 0234/32-28229
E-Mail: weber@wtech.rub.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten des genannten Unternehmens.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Das Ziel eines neuen Forschungsprojekts am Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) ist, ein innovatives Auftragschweißverfahren zu entwickeln, welches das preiswerte aber ungenaue Metallschutzgasschweißen (MSG-Schweißen) durch Laserstrahlung sowohl stabilisiert als auch schneller macht.
Dieses ist besonders interessant bei Umform- oder Spritzgusswerkzeugen oder bei Werkzeugen für den Berg- und Tunnelbau. Der Aufwand und die Kosten für die Reparatur und den Verschleißschutz von großen Werkzeugen soll deutlich reduziert werden. Dies ist das Ziel eines neuen Forschungsprojekts am Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH). Entwickelt wird ein innovatives Auftragschweißverfahren, welches das preiswerte aber ungenaue Metallschutzgasschweißen (MSG-Schweißen) durch Laserstrahlung sowohl... mehr
Auf der Motion, Drive & Automation, die vom 20. bis 24. April in Hannover stattfindet, präsentiert iwis antriebssysteme GmbH & Co.KG in Halle 25 auf Stand B26 erstmalig seine neuen FLEXON® Scharnierband- und Mattenketten aus Delrin® Polyacetal von DuPont.
Mit den Kunststoffketten erfüllt das Münchner Unternehmen die Forderungen der Industrie nach Fördersystemen, die besonders kontaminationsarm, energieeffizient und wartungsarm betrieben werden können. Einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten die für die Herstellung gewählten, FDA-zugelassenen Delrin® Typen, die sich durch ihre Kombination aus hoher mechanischer Belastbarkeit, Dimensionsstabilität auch in feuchter Umgebung und sehr gutem Gleitverhalten auszeichnen. Für bestimmte Anforderungen... mehr
Verschleißfrei, kompakt und funktional sind die Steuerungen, die Wissenschaftler der TU Chemnitz entwickeln.
"Wir beschreiten gegenwärtig vollkommen neue Wege zur Steuerung von komplexen Systemen", berichtet Holg Elsner vom Kompetenzzentrum Strukturleichtbau an der TU Chemnitz. Maschinenbauer von der Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung sowie Elektrotechniker von der Professur Schaltkreis- und Systementwurf kooperieren dabei seit 2006 fakultätsübergreifend. Mit ihrer Steuerung können sie bereits einen Mehrachsroboter bewegen. Das Besondere: Wo bislang viele Einzelteile gebraucht... mehr
für Bauteile aus Metall mit DOSGLIDE PLUS
Die Nano-Technologie macht es möglich: mit einer speziellen Oberflächenbehandlung lassen sich Bauteile aus Metall so bearbeiten, dass eine besonders effiziente Antihaft-Wirkung erzielt wird. Diese Eigenschaft wird durch kontrollierte Einbettung von PFA (Perfluoralkoxy-Copolymere) erreicht. Der Unterschied zu herkömmlichen Beschichtungen besteht darin, dass die Behandlung bei DOSGLIDE PLUS äußerst konturentreu mit einer Toleranz von +/- 1 µm erfolgt. Damit können auch sehr kleine Bauteile oder... mehr
In einem neuen Forschungsprojekt am Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) werden Verschleißschutzschichten für thermomechanisch hoch belastete Systeme hergestellt.
Der Ansatz basiert auf einem innovativen Pulverauftragschweißprozess in dem Mikrostrukturen gleichzeitig mit der Beschichtung produziert werden. Ziel eines neuen Forschungsvorhabens am Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) ist es, Verschleißschutzschichten für thermomechanisch hoch belastete Systeme wie z.B. Zylinderflächen von Motoren oder Umformwerkzeuge herzustellen. Der Ansatz basiert auf einem innovativen Pulverauftragschweißprozess in dem Mikrostrukturen gleichzeitig mit der Beschichtung... mehr

Bücher zum Thema:

Jörg Schleusener
DRW
Hansgeorg Hofmann et al
Hanser
S. K. Ghosh
Wiley-Vch
Edgar B. Gutoff et al.
John Wiley & Sons Inc
Hermann Salmang et al
Springer, Berlin
M. F. Ashby et al.
Spektrum Akademischer Verlag
Thomas Gries, Kai Klopp
Springer, Berlin

Materialsgate Glossar

HIP
HIP ist die Abkürzung für das urformende Fertigungsverfahren „Heißisostatisches Pressen“. Beim heißisostatischen Pressen werden Keramik- oder Metallpulver durch gleichzeitiges Wirken von hohen Temperaturen und Drücken verfestigt.
Keramik
Als keramische Werkstoffe bezeichnet man Materialien, die nichtmetallisch-anorganischer Natur bzw. Zusammensetzung sind. Der Begriff Keramik stammt vom altgriechischen "Keramos" ab und war die Bezeichnung für ein häufiges Tonmineral und die aus ihm durch Brennen hergestellten formbeständigen Erzeugnisse.
Phase
In den Materialwissenschaften versteht man unter einer Phase einen homogenen Stoffbereich, indem es zu keinen sprunghaften Änderungen der physikalischen Eigenschaften und der chemischen Zusammensetzung kommt.
Schmelzen
Als Schmelzen bezeichnet man in den Materialwissenschaften den Übergang eines Stoffes vom festen in den flüssigen Aggregatzustand. Dieser Vorgang erfolgt für Reinstoffe bei konstantem Druck immer bei einer bestimmten Temperatur, diese wird Schmelzpunkt genannt.
Sintern
Sintern beschreibt eine Gruppe von urformenden Fertigungsverfahren. In aller Regel werden dabei metallische oder keramische Ausgangspulver zu einem Grünkörper geformt und anschließend unter Umgehung der flüssigen Phase zu einem Bauteil verfestigt.
Stahl
Als Stähle bezeichnet man metallische Legierungen, deren Hauptbestandteil Eisen ist und deren Kohlenstoffgehalt zwischen 0,002 % und maximal 2,06 % variiert.
Substrat
In den Materialwissenschaften wird unter einem Substrat das zu behandelnde Material verstanden. In aller Regel wird die Oberfläche des Substrats veredelt, beschichtet oder modifiziert, um maßgeschneiderte Anforderungsprofile einzustellen.
Temperatur
Die Temperatur ist eine physikalische Größe und beschreibt – quantifiziert – den Wärmezustand eines Systems. Ihre SI-Einheit ist das Kelvin (K).
Verschleiß
Als Verschleiß - umgangssprachlich auch Abnutzung genannt - wird der eintretende Masseverlust einer Materialoberfläche bezeichnet, der durch schleifende, rollende, schlagende, kratzende, chemische oder thermische Beanspruchungen erfolgt.