MMaterialNews vom 15.05.2012

Sicherheit: Schutzweste mit eingebauter «Klimaanlage»

Um die neue «smarte» Schutzweste zu testen, joggte ein Proband in der Klimakammer der Empa einige Kilometer auf dem Laufband. Dabei verlor er durch Schwitzen 544 Gramm an Gewicht – dank der eingebauten Kühlung immerhin 191 Gramm weniger als mit einer herkömmlichen Weste.
Funktionelle Sportbekleidung ist heute selbstverständlich, beispielsweise ist eine Sportjacke atmungsaktiv und dennoch wasserdicht. Bei Arbeitskleidern beschränkt sich die Funktionalität dagegen meist auf den eigentlichen Schutz etwa gegen Feuer, spitze Gegenstände, Chemikalien. Dem Tragekomfort kommt dabei keine grosse Bedeutung zu. Bei kugelsicheren Westen lässt das schützende Kevlar zwar keine Kugeln durch – aber auch keinen Wasserdampf.

Polizistinnen und Polizisten, die diese Schutzwesten unter ihrer Uniform tragen müssen, kommen daher nicht nur in wärmerem Klima erheblich ins Schwitzen. Was bei der Büroarbeit lediglich unangenehm ist, beeinträchtigt bei körperlicher Beanspruchung die Leistung – im Einsatz kann das gefährlich werden. Die Empa entwickelte daher mit Industriepartnern eine «smarte» Schutzweste mit integriertem Kühlsystem, das auf der Coolpad-Technologie basiert, die ursprünglich für medizinische Kühlbekleidung geschaffen worden war. Das in die Weste eingebaute Coolpad wird mit Wasser gefüllt, das durch die Membrane verdampfen kann, wodurch sich das Pad abkühlt. Durch einen textilen Abstandhalter hinter dem Pad, einem so genannten Abstandsgewirk, bläst ein Mini-Ventilator Luft und kühlt so zusätzlich.

Eine derartige «Klimaanlage» in ein Bekleidungsstück einzubauen, war ein recht kompliziertes Unterfangen. So war dazu ein neuartiges textiles Abstandsgewirk notwendig, das sowohl druckstabil als auch bieg- und anschmiegsam ist und einen sehr geringen Luftwiderstand aufweist; es wurde gemeinsam mit der Firma Eschler entwickelt. Auch Ventilatoren waren keine auf dem Markt, die klein genug waren, um sich in die Kleidung integrieren zu lassen. Deshalb haben die Empa-Ingenieure sie selbst «en miniature» designt; zwei Einheiten samt Batterie und Steuerungselektronik sorgen nun für den kühlenden Luftzug in der Weste. Ebenfalls genügten die bisherigen Coolpads nicht; da sie in der Schutzweste mechanisch stark beansprucht sind, lief häufig Wasser aus. Eine neue Technik verschweisst die ultradünne Membrane der Pads per Diodenlaser weitaus zuverlässiger als bisher. Die Nähte bleiben dabei weich und flexibel. Ausserdem konnten die Empa-Experten auch gleich noch die Verdunstungsrate und somit die Kühlleistung erhöhen. Doch damit nicht genug. Um das Befüllen der Coolpads mit Wasser zu vereinfachen, entwickelten sie eine tragbare Füllstation, die mit Schnellverschluss an die Weste angeschlossen wird und das Pad in einer Minute auffüllt. Im gleichen «Service» lassen sich entladene Minilüfter gegen solche mit vollem Akku austauschen. Danach ist die Weste wieder für drei bis vier Stunden einsatzbereit.

Im Labor der Empa zeigten Vergleichsmessungen mit auf dem Markt erhältlichen Kühlsystemen, dass die Neuentwicklung deutlich leichter ausfällt und zudem messbar besser kühlt. Doch auch im praktischen Einsatz hat sich die Weste bereits bewährt: Polizistinnen und Polizisten der Stadtpolizei Zürich haben Prototypen der Weste während einiger warmer Sommertage getestet und die Innovation durchwegs positiv beurteilt. Demnächst wird eine erste Kleinserie der unter der Uniform tragbaren Schutzweste vom Projektpartner Unico swiss tex GmbH angefertigt. Die «smarte» Technologie eignet sich aber auch für über der Kleidung zu tragende Schutzanzüge, Uniformjacken, Tarnwesten und sogar für Rucksäcke. Weitere Entwicklungen wie diese sind bereits in Vorbereitung.

Quelle: Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt - 14.05.2012.

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Ob als Einsatzhelfer bei Großveranstaltungen oder als hochauflösende 3D-Vermesser von Straßenzügen: Intelligente Schwärme aus Flugrobotern eignen sich als universelles Werkzeug für Polizei, Krisenmanager oder Städteplaner. Für einwandfreie Flugmanöver ohne Kollisionen sorgt ein spezieller 3D-Sensor von Fraunhofer-Forschern.
Wie auf Kommando steigt das Team langsam laut surrend in die Luft. Gut zwei Dutzend Flugroboter fliegen über der Menschenmenge aus Tausenden von Fußballfans. Aufgebrachte Rowdys haben das Spielfeld gestürmt und bengalische Feuer gelegt. Es kommt zu Schlägereien, Rauch verhindert die Sicht, es herrscht Chaos. Nur der Flugroboter-Schwarm behält die Übersicht. Die unbemannten Flugroboter sind eine Art Mini-Hubschrauber mit einer Spannweite von etwa zwei Metern. Auf den beiden seitlichen Schwenkflügeln... mehr
Funksignale erreichen die Piloten im Flugzeug durch den »Radar-Dom«, die runde Nase des Flugzeugs. Treten bei der Produktion dieser Nase jedoch Fehler auf – kleine Fremdkörper, Wassertropfen oder Luftbläschen – kann dies den Funkverkehr behindern. Eine zerstörungsfreie Prüfanlage entlarvt solche Fehlstellen künftig bereits während der Fertigung.
Die geplante Ankunftszeit, der Landewunsch oder die Landerichtung – solche Informationen tauschen die Piloten mit dem Bodenpersonal im Tower über Funk aus. Die Nase des Flugzeugs, der »Radar-Dom«, empfängt die eingehenden Funksignale und strahlt die vom Piloten gesendeten wieder ab. Das Material, aus dem der Radar-Dom besteht, ist ein Glasfaserverbund, also ein Harz, der durch Glasfasern verstärkt wird. Treten bei der Produktion jedoch kleinste Fehler auf – werden etwa winzige Fremdkörper... mehr
Fortschritte in der Fingerabdruckanalyse
Dass man anhand von Fingerabdrücken eine Person identifizieren und so z.B. einer Straftat überführen kann, ist hinlänglich bekannt. Inzwischen geht aber weit mehr. So können Fingerabdrücke z.B. zeigen, ob der Verdächtige Raucher ist, Drogen konsumiert oder mit Sprengstoffen hantiert hat. Pompi Hazarika und David A. Russell erläutern in der Zeitschrift Angewandte Chemie, welche bemerkenswerten Fortschritte jüngst erzielt wurden. Wenn ein Finger eine Oberfläche berührt, hinterlässt der... mehr
Brief- und Paketbomben sind in der heutigen Zeit eine ständige Gefahr. Der aktuelle Briefbombenfund bei der Deutschen Bank und die Paketexplosion in Rom zeigen dies mehr als deutlich. Eine bessere Überprüfung von Postsendungen ist daher geboten – und zwar, ohne das Briefgeheimnis verletzen zu müssen.
Terahertz-Briefscanner sind im Gegensatz zu den heute vereinzelt genutzten Röntgenscannern eine überall einsetzbare Lösung. Messtechnik-Experten von Fraunhofer IPM haben gemeinsam mit den Firmen Hübner GmbH, Kassel, und IANUS Simulation GmbH, Dortmund, einen solchen Scanner entwickelt. Terahertz-Briefscanner arbeiten mit für den Menschen unbedenklichen Terahertz-Wellen. Daher sind sie im Gegensatz zu Röntgen-Briefscannern an nahezu jedem Ort einsetzbar – z. B. in der Postlogistik, in Justizvollzugsanstalten... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Metallographie
Charakterisierung von Composites
Element-Mapping
Charakterisierung von Katalysatoren
Prüfung von Kunststoffen
Medizintechnische Untersuchungen
Automotive Testing
Schadensanalyse von Bauteilen
Thermographie
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Korrosionstests
Barriere-Eigenschaften
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Fügetechnologien
Bruchmechanik
Schadensanalyse von Produkten
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Coatings
Keramographie
Metallographie
Charakterisierung von Composites
Element-Mapping
Charakterisierung von Katalysatoren
Prüfung von Kunststoffen
Medizintechnische Untersuchungen
Automotive Testing
Schadensanalyse von Bauteilen
Thermographie
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Korrosionstests
Barriere-Eigenschaften
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Fügetechnologien
Bruchmechanik
Schadensanalyse von Produkten
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Coatings
Keramographie
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Sylvie Krüger
Jovis
Q. Wei
Woodhead Publishing Ltd
Deutscher Fachverlag

Materialsgate Glossar

Verdampfen
Als Verdampfen bezeichnet man den Übergang eines Stoffes vom flüssigen in den gasförmigen Aggregatzustand bei Siedetemperatur. Verdampfen ist an der Bildung von Blasen im Volumen der Flüssigkeit zu erkennen.