MMaterialNews vom 08.11.2010

Neuartige Fenster mit Energiespar-Effekt

Gebäudeverglasungen oder Fenster, die ihre Lichtdurchlässigkeit und Farbe je nach Sonneneinstrahlung verändern: Damit ließe sich Energie sparen. Im Sommer würden solche Scheiben die Wärmestrahlung von draußen besser abhalten, so dass zum Beispiel in Bürogebäuden weniger Klimatisierung nötig wäre.
Und im Winter könnten sie den Wärmeverlust aus geheizten Räumen deutlich verringern. An der Realisierung solcher Fenster wirken Forscher der Uni Würzburg mit.

Verglasungen, die ihre Farbe ändern, sind industriell bereits herstellbar. So gibt es zum Beispiel Rückspiegel im Auto, die sich automatisch verdunkeln, wenn Licht auf ihre Sensoren fällt. Der Fahrer wird dann nicht geblendet.

„Der Aufbau der bislang realisierten Produkte ist aber kompliziert, die Fertigung aufwändig und teuer“, sagt Professor Dirk Kurth vom Lehrstuhl für Chemische Technologie der Materialsynthese an der Uni Würzburg. Zudem funktioniere die Technik für großflächige Verglasungen bis heute nicht richtig: Die Scheiben werden schnell trübe oder fleckig – eine Folge ihres komplizierten Aufbaus aus mindestens fünf unterschiedlichen Materialschichten.

„Smart Windows“ mit elektrisch schaltbarer Tönung

Mit neuartigen Materialien – Metallo-Polyelektrolyten – wollen Wissenschaftler das System nun vereinfachen, besser machen und die Fertigungskosten erheblich senken. Ihr Ziel heißt „Smart Windows“, neue Fenstertypen mit einer farbigen Tönung, die sich elektrisch schalten lässt. Das Würzburger Fraunhofer-Institut für Silicatforschung und Professor Kurth haben hierzu ein Verbundprojekt initiiert, das vom Bundesforschungsministerium mit 1,1 Millionen Euro gefördert wird.

Die Herstellung der „Smart Windows“ ist relativ einfach: Es genügen zwei Glasscheiben, bei denen die einander zugewandten Seiten mit einer dünnen, transparenten Elektrode bedeckt sind. Darauf wird eine hauchfeine Schicht aus Metallo-Polyelektrolyten (MEPE) aufgebracht. Das geht verhältnismäßig simpel durch Eintauchen in eine wässrige MEPE-Lösung. Die Scheiben werden dann aufeinandergelegt und die dazwischen befindliche, störende Luftschicht durch das Einfüllen eines sirupartigen, neutralen Materials verdrängt. Zum Schluss wird das System abgedichtet.

Metall-Ionen sorgen für den Farbwechsel

Wodurch zeichnen sich die Metallo-Polyelektrolyte aus, die solche neuartigen Fenster ermöglichen sollen? Es handelt sich um lange Molekülketten, in denen einzelne organische Bausteine, so genannte Terpyridine, durch Metall-Ionen miteinander verknüpft sind.

Die Metall-Ionen sind für die Farbe des Materials verantwortlich und lassen sich elektrisch schalten. Wenn sie Elektronen aufnehmen oder abgeben, entsteht oder verblasst die Farbe; die Änderungen sind umkehrbar. Geben zum Beispiel zweiwertige Eisen-Ionen Elektronen ab, wird Blau zu Farblos. Andere Metall-Ionen sorgen für andere Farben: Mit Cobalt ergibt sich ein rötlicher, mit Nickel ein orangefarbener Ton.

Farbe und Transparenz der Fenster lassen sich verändern, indem man die Metallo-Polyelektrolyte über die Elektrode mit niedrigen Spannungen von 1 bis 1,5 Volt schaltet. Einfache Batterien genügen dafür. Dank der speziellen Eigenschaften der MEPE kann die Grundfarbe der Verglasung variiert werden. Es ist auch möglich, in einem Fenster verschiedene Metall-Ionen einzusetzen und so mehrere Farben durchzuschalten. „Mal rot, mal blau – das wäre zum Beispiel für Firmen interessant, die auf den Glasflächen ihres Gebäudes Werbebotschaften transportieren wollen“, sagt Kurth.

Synthese der MEPE an der Universität

Die Arbeitsgruppe des Professors synthetisiert die Metallo-Polyelektrolyte, die Kooperationspartner analysieren sie: Welche Kombinationen mit welchen Metall-Ionen eignen sich am besten? Wie erfolgt im Fenster der Elektronentransfer von der Elektrode in die metallorganische Schicht? Was genau passiert in den MEPES, wenn sie elektrisch geschaltet werden?

Solche grundlegenden Untersuchungen sind nötig, um das System der „Smart Windows“ genau zu verstehen. Nur dann lassen sich ihnen optimale Tönungseigenschaften, eine lange Lebensdauer, kurze Schaltzeiten und andere Eigenschaften verleihen. Ziel der Wissenschaftler: Nach zwei Jahren wollen sie ein Demonstrations-Fenster realisiert haben, an dem zum Beispiel Interessenten aus der Industrie die Vorzüge der Technik sehen können.

Spannend auch für Studierende

An der Entwicklung der neuartigen Fenster können auch Studierende mitwirken, indem sie zum Beispiel ihre Bachelor- oder Masterarbeiten über das Thema schreiben. Diese Möglichkeit bietet sich in den Studiengängen Technologie der Funktionswerkstoffe (TecFun) und Chemie.

Projektpartner im Smart-Windows-Verbund

Die Kooperationspartner im Verbundprojekt „SmartWin-MEPE“ sind: Professor Dirk Kurth vom Lehrstuhl für Chemische Technologie der Materialsynthese, das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung (ISC) in Würzburg, das Institut für Werkstoffe und Elektrotechnik am Karlsruher Institut für Technologie sowie die Bundesanstalt für Materialprüfung (Berlin). Sprecher des Verbunds ist Dieter Sporn vom ISC Würzburg.

Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg / IDW - 05.11.2010.

Weitere Informationen

Dieter Sporn, Fraunhofer-Institut für Silicatforschung Würzburg, Sprecher des Forschungsverbunds SmartWin-MEPE, T (0931) 4100-400, sporn@isc.fraunhofer.de

Prof. Dr. Dirk Kurth, Lehrstuhl für Chemische Technologie der Materialsynthese, Universität Würzburg, T (0931) 31-82631, dirk.kurth@matsyn.uni-wuerzburg.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Combines elements for light harvesting and electric charge transport over large, transparent areas
Scientists at the U.S. Department of Energy’s (DOE) Brookhaven National Laboratory and Los Alamos National Laboratory have fabricated transparent thin films capable of absorbing light and generating electric charge over a relatively large area. The material, described in the journal Chemistry of Materials, could be used to develop transparent solar panels or even windows that absorb solar energy to generate electricity. The material consists of a semiconducting polymer doped with carbon-rich... mehr
TAU's new nano-material may revolutionize solar panels and batteries too
A coating on windows or solar panels that repels grime and dirt? Expanded battery storage capacities for the next electric car? New Tel Aviv University research, just published in Nature Nanotechnology, details a breakthrough in assembling peptides at the nano-scale level that could make these futuristic visions come true in just a few years. Operating in the range of 100 nanometers (roughly one-billionth of a meter) and even smaller, graduate student Lihi Adler-Abramovich and a team working under... mehr
Stained glass windows that are painted with gold purify the air when they are lit up by sunlight, a team of Queensland University of Technology experts have discovered.
Associate Professor Zhu Huai Yong, from QUT's School of Physical and Chemical Sciences said that glaziers in medieval forges were the first nanotechnologists who produced colours with gold nanoparticles of different sizes. Professor Zhu said numerous church windows across Europe were decorated with glass coloured in gold nanoparticles. "For centuries people appreciated only the beautiful works of art, and long life of the colours, but little did they realise that these works of art... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Metallographie
Charakterisierung von Composites
Schadensanalyse von Produkten
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Coatings
Thermographie
Bruchmechanik
Gefüge-Analytik
Automotive Testing
Medizintechnische Untersuchungen
Barriere-Eigenschaften
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Element-Mapping
Prüfung von Kunststoffen
Untersuchung von Diffusionsschichten
Korrosionstests
Keramographie
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Metallographie
Charakterisierung von Composites
Schadensanalyse von Produkten
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Coatings
Thermographie
Bruchmechanik
Gefüge-Analytik
Automotive Testing
Medizintechnische Untersuchungen
Barriere-Eigenschaften
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Element-Mapping
Prüfung von Kunststoffen
Untersuchung von Diffusionsschichten
Korrosionstests
Keramographie
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Christopher W. Sinton
John Wiley & Sons
Hans Bach et al.
Springer, Berlin

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Chemie
Die Chemie ist eine exakte Naturwissenschaft. Sie beschäftigt sich mit dem Aufbau, den Eigenschaften und der Umwandlung von Stoffen. Chemische Vorgänge gehen immer mit einer Stoffänderung einher.
Elektrode
Elektroden sind Elektronenleiter (Metall oder Graphit), die zur Stromzuführung oder zur Durchführung chemischer Reaktionen genutzt werden.
Elektronen
Elektronen sind elektrisch negativ geladene Elementarteilchen, sie werden mit dem Symbol e- abgekürzt. Elektronen halten sich in der Atomhülle auf und bestimmen das chemische Verhalten der jeweiligen Atome.
Funktionswerkstoffe
Funktionswerkstoffe besitzen ein Eigenschaftsprofil, das sie für definierte Verwendungs- und Einsatzzwecke geeignet macht. Dazu zählen beispielsweise bestimmte chemische, magnetische, akustische oder optische Eigenschaften. Im Gegensatz zu den Konstruktionswerkstoffen spielen bei Funktionswerkstoffen Eigenschaften in Zusammenhang mit der konstruktiven Gestaltung von Anlagen, Gebäuden, Maschinen u. ä. eine untergeordnete Rolle.
Ionen
Als Ionen bezeichnet man elektrisch geladene Atome oder Moleküle. Positiv geladene Ionen werden Kationen genannt, sie haben einen Elektronenmangel. Negativ geladene Ionen werden Anionen genannt, sie haben einen Elektronenüberschuss.
Lösung
Als Lösungen werden in den Naturwissenschaften homogene (d. h. einphasige) Stoffsysteme bezeichnet, die aus mindestens zwei chemisch reinen Stoffen aufgebaut sind. Eine Lösung enthält einen oder mehrere gelöste Stoffe und ein Lösungsmittel.
Nickel
Nickel (Ni, Dichte: 8,91 g/cm3, Fp: 1455 °C) ist ein silbrig-weißes und glänzendes Schwermetall. Nickel ist vergleichsweise hart, hoch duktil, polierbar und ferromagnetisch. Verwendung: Katalysator, Korrosionsschutz, Legierungselement, Chemietechnik.
Synthese
In der Chemie umfasst der Begriff Synthese alle Methoden und Verfahren, mit denen aus Elementen Verbindungen oder aus einfach gebauten Verbindungen komplexere Stoffe - beispielsweise Werk- und Wirkstoffe - hergestellt werden.
Transparenz
Die Transparenz ist eine optische Materialeigenschaft. Sie charakterisiert die Durchlässigkeit von Werkstoffen und Materialien für elektromagnetische Strahlung. Im Bereich des sichtbaren Lichtes (Wellenlängenbereich etwa 400 bis 800 nm) nutzt man auch den Begriff Durchsichtigkeit.