MMaterialNews vom 13.07.2011

Bauwesen: Leichtbau ja – aber bitte leise!

Seit kurzem verfügt die Empa über eine neue Forschungs- und Entwicklungsplattform, um die Schalldämmung von Gebäuden in Leichtbauweise zu verbessern. Am 30. Juni 2011 wurde der Leichtbauprüfstand, den die Empa mit der Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau in Biel betreibt, eingeweiht. Damit lassen sich etwa mehrgeschossige Holzbauten «lärmschutzoptimieren».
Leichtbau ist gefragt, je länger, je mehr. Denn er schont Ressourcen – und Kosten, auch und vor allem in der Bauwirtschaft. Vor allem Holz als nachwachsender und damit nachhaltiger Rohstoff dürfte künftig als Baumaterial immer wichtiger werden. Doch die Leichtbauweise hat einen gravierenden Nachteil: Je weniger Material in einem Bauelement steckt, desto schlechter schützt es gegen Lärm, vor allem bei tiefen Frequenzen, also im als besonders störend empfundenen «Boom-Boom» des Bassbereichs.

Technisch lassen sich zwar auch Leichtbauten gegen Lärm isolieren, dies wird allerdings schnell einmal kompliziert und kostspielig. So müsste ein Leichtbau beispielsweise deutlich höhere Geschosse aufweisen, um dank dickerer Deckenaufbauten den gleichen Lärmschutz wie ein Haus in Massivbauweise zu bieten. Bei einer vorgegebenen maximalen Bauhöhe lassen sich also im Leichtbauhaus weniger Stockwerke verwirklichen – was wiederum den Ertrag beziehungsweise die Einnahmen senkt. Ausserdem sind die derzeit für die Planung verwendeten Berechnungsverfahren im Fall von Leichtbauten sehr unsicher; oft ist erst nach Fertigstellung klar, ob der gewünschte Lärmschutz mit den verwendeten Elementen und Materialien auch tatsächlich erreicht wurde.

Um diese zu verbessern und dadurch neue Konstruktionen entwickeln zu können, die leicht und gleichzeitig «leise» sind, hat die Empa gemeinsam mit der Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau in Biel (BFH-AHB) eine neue Forschungsinfrastruktur in Betrieb genommen – den Leichtbauprüfstand, eine 400 Quadratmeter grosse und rund zwölf Meter hohe Halle, in der je zwei über- beziehungsweise nebeneinander liegende Räume aus Leichtbauelementen aufgebaut und akustisch untersucht werden können. Damit lassen sich sowohl die vertikale als auch die horizontale sowie die diagonale Schallausbreitung von einem Raum auf die anderen bestimmen. Das Besondere an den Räumen: Sie ruhen auf separaten Bodenplatten aus Beton, die elastisch gelagert und damit vom übrigen Gebäude und voneinander schwingungsentkoppelt sind. Dies verhindert, dass sich Schallwellen über den Boden von einem Raum auf den benachbarten ausbreiten.

«Flankenübertragung» – das Problem des Leichtbaus

Denn genau in der Schallausbreitung – genauer gesagt: im Weg, den der Schall «einschlägt», um sich auszubreiten – liegt die Schwierigkeit im Leichtbau. Während es für Massivbauten genügt, die akustischen Dämmwerte einzelner Elemente wie Wände, Decken, Türen und Fenstern zu messen, um daraus die Lärmschutzeigenschaften des fertiggestellten Gebäudes vorherzusagen, funktioniert dies beim Leichtbau nicht. Die leichten Bauelemente lassen sich einfacher zum Schwingen anregen und übertragen den Schall dadurch in Längsrichtung besser auf die angrenzenden Bauteile.

Bei Leichtbauten müssen also sämtliche möglichen Wege berücksichtigt werden, über die sich der Schall ausbreiten kann, nicht nur der direkte, etwa durch die Wand in den nächsten Raum. Insgesamt gibt es bei Leichtbaukonstruktionen mindestens sechs zusätzliche Übertragungswege für den Lärm, verglichen mit dem Massivbau. Und all diese können im Leichtbauprüfstand separat akustisch vermessen werden.

Ein grosser Schritt zu besseren Leichtbaukonstruktionen

Dabei lassen sich alle möglichen Leichtbaumaterialien experimentell untersuchen. Messungen an Systemen aus Gipsleichtbauwänden fanden bereits statt – und haben für den Industriepartner auch schon nützliche Hinweise für die Weiterentwicklung des Produkts ergeben. Demnächst beginnen die ersten Messungen für ein grosses von der Lignum – die Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft – und dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanziertes Kooperationsprojekt, bei dem es unter anderem darum geht, das Schalldämmvermögen von Holzkonstruktionen genau zu bestimmen und schall- sowie holzbautechnisch optimierte Bauteile und Gebäude zu entwickeln.

Bei der Einweihung Ende Juni haben die Direktoren der Empa und der BFH den Leichtbauprüfstand der Forschung übergeben. «Besonders freut mich, mit dieser Forschungsinfrastruktur auch die Zusammenarbeit mit den Fachhochschulen intensivieren zu können», so Gian-Luca Bona, Direktor der Empa.

Quelle: Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt - 11.07.2011.

Weitere Informationen

Dr. Luboš Krajči
Empa, Abteilung Akustik/Lärmminderung
Tel. +41 58 765 47 53
lubos.krajci@empa.ch

Dr. Christoph Geyer
BFH-AHB, Forschungseinheit Holz- und Verbundbau
Tel. +41 32 344 03 48
christoph.geyer@bfh.ch

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Der am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelte umweltschonende Zement Celitement® erhält den Umwelttechnik-Sonderpreis Baden-Württemberg. Celitement® erfordert aus heutiger Sicht nur halb so viel Energie bei der Herstellung und gibt bei der Produktion im Vergleich zu bisherigen Verfahren voraussichtlich nur halb so viel Kohlendioxid (CO2) an die Umwelt ab.
Der neue Zement wird mittlerweile von der Celitement GmbH, einer Ausgründung der vier Erfinder, des KIT und des Industriepartners SCHWENK Zement KG bis zur Marktreife weiterentwickelt. Den Umwelttechnikpreis vergibt das baden-württembergische Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft alle zwei Jahre für hervorragende und innovative Produkte in der Umwelttechnik in vier Kategorien. Der Sonderpreis der Jury, den in diesem Jahr die Celitement GmbH erhält, orientiert sich an aktuellen... mehr
Parkhäuser, Tiefgaragen und Brücken sind stark beanspruchte Betonbauwerke. Vor allem Tausalz, starker Verkehr und Abgase beschädigen sie großflächig. Die Untersuchung geschädigter Bereiche kann bisher oft nur punktuell und mit zerstörenden Probeentnahmen erfolgen.
Wissenschaftler der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), des Fraunhofer-Instituts für zerstörungsfreie Prüfverfahren (IZFP) auf dem Saarbrücker Uni-Campus sowie Experten aus Unternehmen haben eine Roboterplattform entwickelt, die autonom solche Flächen abfahren und großflächig auf Schäden untersuchen kann, ohne die Flächen zu zerstören. BetoScan ist eine selbstnavigierende Roboterplattform mit zerstörungsfreien Prüfsensoren. Damit kann BetoScan den Zustand von großen... mehr
Vakuum: Hocheffizienter Wärmeschutz für Gebäudehülle und Fenster
Was bei der Thermoskanne funktioniert, kann auch ein Weg für den Wärmeschutz von Gebäuden sein: die Dämmung durch Vakuum. Vakuumisolationspaneele und Vakuumverglasung verbessern die Dämmwirkung nicht durch ein Mehr an Material, sondern durch ein Weniger an Wärmeleitfähigkeit. Damit reicht schon ein sehr dünner Aufbau für eine exzellente Leistung. Das neue BINE-Themeninfo „Dämmen durch Vakuum“ (I/2011) erläutert die Grundlagen der neuen Dämmtechnik, ihr Anwendungspotenzial und auch... mehr
Die Spanplatte der Zukunft könnte leichter und fester sein als bisher – und teilweise aus Mais bestehen. Forstwissenschaftler der Universität Göttingen haben einen leichten Verbundwerkstoff entwickelt, der aus Holzspänen und Mais in Form von Popcorngranulat besteht.
Der Werkstoff „BalanceBoard“ entstand in Zusammenarbeit mit der Pfleiderer AG, einem der führenden Holzwerkstoffhersteller weltweit. Spanplatten mit einer Mittelschicht aus Popcorngranulat erfüllen die technischen Anforderungen an vergleichbare Standard-Spanplatten. Die Mischung aus Spänen und Maisgranulaten führt allerdings dazu, dass die Platten bis zu 35 Prozent leichter sind und preisgünstiger hergestellt werden können. „Mit BalanceBoard haben wir die Grundlage für eine neue Generation... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Keramographie
Charakterisierung von Coatings
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Charakterisierung von Composites
Metallographie
Charakterisierung von Fügetechnologien
Bruchmechanik
Schadensanalyse von Bauteilen
Korrosionstests
Untersuchung von Diffusionsschichten
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Barriere-Eigenschaften
Gefüge-Analytik
Element-Mapping
Thermographie
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Kunststoffen
Automotive Testing
Keramographie
Charakterisierung von Coatings
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Charakterisierung von Composites
Metallographie
Charakterisierung von Fügetechnologien
Bruchmechanik
Schadensanalyse von Bauteilen
Korrosionstests
Untersuchung von Diffusionsschichten
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Barriere-Eigenschaften
Gefüge-Analytik
Element-Mapping
Thermographie
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Kunststoffen
Automotive Testing
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Werner Nachtigall
Springer, Berlin
Hans-Wolf Reinhardt
Ernst & Sohn
Wolfgang Moll, Annika Moll
Ernst & Sohn