MMaterialNews vom 07.06.2012

Robotik: Sicherer Griff in die Lenkrad-Kiste spart Zeit und Kosten

Takata-Petri AG nimmt schnelles und prozesssicheres Greifersystem mit 3-D-Objekterkennung von Faude Automatisierungstechnik und Fraunhofer IPA in Betrieb.
Ein Roboter, der schwere und komplexe Bauteile sicher, zuverlässig und mit wettbewerbsfähigen Taktzeiten aus chaotisch beladenen Behältern entnimmt – der »Griff in die Kiste«, stellt die Industrieautomation vor Herausforderungen, die noch vor Kurzem nahezu unlösbar schienen. Der Automobilzulieferer Takata-Petri AG hat an seinem Standort Aschaffenburg Neuland beschritten: Ein von Faude Automatisierungstechnik GmbH und dem Fraunhofer IPA gemeinsam mit Takata entwickeltes Greifersystem mit einem robotergeführten 3-D-Sensor und der neuesten Generation der Software »IPA BP3™ – BinPicking3d« führt 1–2 kg schwere metallene Lenkrad-Skelette der Bearbeitungsanlage ohne belastende Handarbeit und ohne aufwändige mechanische Vereinzelung zu – und das im Dreischichtbetrieb und mit einer Verfügbarkeit von mehr als 98 Prozent. Den Roboter, mit dem diese Lösung realisiert wurde, lieferte die Kawasaki Robotics GmbH.

»Die mit Faude Automatisierungstechnik und dem Fraunhofer IPA gefundene Lösung erfüllt alle Anforderungen hinsichtlich Genauigkeit, Verfügbarkeit, Robustheit und Taktzeit und hat unsere strengen Vorgaben zum Teil sogar noch übertroffen« – Manuel Torsiglieri, Manager Process Engineering Europe der Takata-Petri AG, ist mit dem Ergebnis der Entwicklungskooperation rundum zufrieden. »Mit dieser Anlage können wir unseren eigenen Automatisierungsgrad weiter erhöhen, die Zukunftsfähigkeit unseres Standorts ausbauen und zugleich die Mitarbeiter von monotonen und den Körper einseitig strapazierenden Tätigkeiten entlasten.«

Blitzschnelle 3-D-Objekterkennung

Um das zu realisieren, musste gleich eine Reihe technologischer Nüsse geknackt werden. Weil die Lenkrad-Skelette unterschiedliche Geometrien aufweisen und in chaotisch beladenen, 1,20 m tiefen Gittertransportkisten aus mehreren europäischen Standorten zugeliefert werden, kam naturgemäß nur ein 3-D-Bilderkennungssystem in Frage. Mit »IPA BP3™ – BinPicking3d« konnte das Fraunhofer IPA eine in mehr als zehnjähriger angewandter Forschung entwickelte marktreife Lösung beisteuern.

»Unser patentiertes Objekterkennungsverfahren ist dank seiner offenen Schnittstellenarchitektur zu praktisch allen Roboter- und 3-D-Sensor-Systemen kompatibel«, erläutert Dipl.-Ing. Matthias Palzkill, Entwicklungsleiter für den »Griff in die Kiste« am Fraunhofer IPA. Je nach Anwendung leiste das System mittlerweile die erforderlichen Rechenoperationen in 0,5 bis 2 Sekunden. Nicht nur die Objekterkennung und Greifpunktberechnung seien in Sekundenbruchteilen möglich, sondern auch eine vollständige Simulation der Fahrwege, die einen maximal kollisionsfreien Greifvorgang erlaube und damit wesentlich zur hohen Prozesssicherheit des Systems beitrage.

Maßgeschneiderte Greiferkonstruktion

Um Roboterstillstände durch Kollisionen zu vermeiden, hat Faude Automatisierungstechnik als Partner für die Realisierung der Systemlösung einen Kollisionsschutz eingebaut, der die Einwirkung koaxialer Kräfte auf den Greiferarm erkennt. Der Laserscanner wurde mit einer ausgeklügelten Lösung in den Roboterarm integriert und kann sowohl Gesamtbilder der zur Entleerung anstehenden Kiste aufnehmen als auch gezielt einzelne Teile ansteuern. Die maßgeschneiderte Systemlösung erreicht nicht nur hohe Produktivität durch hohe Verfügbarkeit, sondern ist auch erstaunlich schnell: »Wir haben die vorgegebene Taktzeit von 33 Sekunden mit schließlich realisierten 26 Sekunden sogar noch deutlich unterboten«, hebt Geschäftsführer Dieter Faude hervor.

Viel Entwicklungsarbeit steckte Faude Automatisierungstechnik in die spezielle Greiferkonstruktion, die die komplexen Bauteile mit ihren verschiedenen Geometrien sicher festhält und handhabt, ohne sie zu beschädigen. Die Lösung fanden die Faude-Spezialisten in einem Parallelgreifer, der sich den Außengeometrien der Lenkrad-Skelette optimal anpasst und dadurch Punktbelastungen und das Risiko von Druckstellen vermeidet. Eine weitere »harte Nuss« war die schwierige Lage der oft verkippten Bauteile in den Gitterboxen; »wir haben dieses Problem mit einem abgekröpften Greifer gelöst, der jeden Winkel der Transportkisten erreichen kann«, erklärt Dieter Faude.

Wirtschaftlich und nachhaltig

»Der automatisierte Griff in die Kiste hat für Takata-Petri die Prozesssicherheit und Qualität bei der Lenkrad-Skelett-Handhabung gegenüber dem manuellen Einsatz klar verbessert und trägt zu effizientem und nachhaltigem Energieeinsatz bei«, hebt Prozessmanager Manuel Torsiglieri hervor. Auch Arbeitsplatz-Ergonomie und Gesundheitsschutz spielen eine Rolle. Mitarbeiter, die von anstrengenden Be- und Entladearbeiten entlastet werden, riskieren weniger Erkrankungen und Folgeschäden. »Es geht nicht um die Verdrängung des Menschen, sondern um die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter«, stellt Dieter Faude klar. »Außerdem werden die Arbeitnehmerschutzbestimmungen in der EU immer schärfer«, ergänzt Matthias Palzkill vom Fraunhofer IPA und betont: »Innovative Prozessautomatisierung kann Produktionsstandorte und Arbeitsplätze in Europa sichern«.

Quelle: Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA - 06.06.2012.

Weitere Informationen

Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Dipl.-Ing. Matthias Palzkill
T: +49 711 970-1045
E: matthias.palzkill@ipa.fraunhofer.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Industrieroboter sollen Menschen von monotonen und gesundheitsschädlichen Arbeiten entlasten – auch den Lagerarbeiter in der Intralogistik, wo bis zu 100 000 verschiedene Artikel zu kommissionieren, zu depalettieren oder zu palettieren sind.
Diese enorme Artikelvielfalt war für die Automatisierung und speziell die Greiftechnik bisher immer ein Problem. Der IPA-Kommissionierroboter mit Aufwälzgreifer schafft hier Abhilfe: Mit neuen Funktionen und optimierter Sensorik präsentiert sich das System auf der Automatica 2012 noch flexibler – sowohl, was Größe, Gewicht und Verpackungsart der zu handhabenden Objekte betrifft, als auch bei der Positionserkennung und beim Ablegen der Güter. »Die Automatisierung wird durch bessere Sensorik... mehr
Dinge wie ein Rohes Ei zu behandeln, ist zum Synonym für Fingerspitzengefühl geworden. Ein komplexer Bewegungsapparat ist nötig, um ein Ei nicht zu zerbrechen, wenn man es in der Hand hält. Umso schwieriger ist es, auch Maschinen solches Fingerspitzengefühl beizubringen.
Forschern der Universität des Saarlandes ist das jetzt zusammen mit Wissenschaftlern aus Bologna und Neapel gelungen. Sie haben eine Roboterhand entwickelt, die ein rohes Ei halten kann. Sie ist samt Antrieb nicht größer als der menschliche Arm. Möglich macht dies ein neuartiger Schnurantrieb, bei dem kleine Elektromotoren die Schnüre verdrillen. Die Roboterhand ist dadurch kraftvoll, aber auch feinfühlig und könnte eines Tages als Helfer im Haushalt oder bei Katastrophen zum Einsatz kommen... mehr
Ein Industrieroboter als Künstler? Was zunächst widersprüchlich erscheint, zeigen Forscher vom 6. bis 10. März 2012 auf der CeBIT in Hannover (Halle 9, Stand E08). Interessierte Besucher können den metallenen Maler dort in Aktion sehen und selbst ihre Gesichtszüge von ihm zeichnen lassen.
Künstler sind oft schillernde Persönlichkeiten. Doch dieser wirkt kühl, präzise, metallisch – und lässt jede Extravaganz vermissen. Kein Wunder, schließlich handelt es sich um einen Industrieroboter, der den Fraunhofer-Stand auf der CeBIT zum Atelier machen wird. Sein Zeichengenie zeigt sich erst, wenn eine Person auf dem Hocker vor ihm Platz nimmt: Mit einer Kamera nimmt er zunächst ein Bild seines Modells auf, zückt dann einen Stift und entwirft ein Portrait der Person auf seiner Zeichentafel... mehr
Ein neuartiger mobiler Roboter kann Industrieanlagen oder Rohrleitungen selbstständig untersuchen, mögliche Gaslecks auch aus der Entfernung feststellen und orten: Das entlastet den Menschen von aufwändigen und monotonen Routineaufgaben.
Der am 23. November bei einer Demonstration an der Universität Kassel vorgestellte Prototyp des RoboGasInspector ist ein neuartiges Mensch-Maschine-System zum Einsatz in technischen Anlagen und Einrichtungen der Versorgungsinfrastruktur. Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) mit rund 2,4 Mio. Euro geförderte Projekt wird von zwei Fachgebieten im Fachbereich Maschinenbau der Universität Kassel koordiniert und gemeinsam mit weiteren Forschungspartnern und Industrieunternehmen... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Korrosionstests
Barriere-Eigenschaften
Automotive Testing
Keramographie
Element-Mapping
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Composites
Thermographie
Charakterisierung von Coatings
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Medizintechnische Untersuchungen
Untersuchung von Diffusionsschichten
Metallographie
Bruchmechanik
Charakterisierung von Katalysatoren
Prüfung von Kunststoffen
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Korrosionstests
Barriere-Eigenschaften
Automotive Testing
Keramographie
Element-Mapping
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Composites
Thermographie
Charakterisierung von Coatings
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Medizintechnische Untersuchungen
Untersuchung von Diffusionsschichten
Metallographie
Bruchmechanik
Charakterisierung von Katalysatoren
Prüfung von Kunststoffen
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Saeed B. Niku
John Wiley & Sons
Iste Publishing Company

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Lösung
Als Lösungen werden in den Naturwissenschaften homogene (d. h. einphasige) Stoffsysteme bezeichnet, die aus mindestens zwei chemisch reinen Stoffen aufgebaut sind. Eine Lösung enthält einen oder mehrere gelöste Stoffe und ein Lösungsmittel.
Sensor
Sensoren sind Systeme, die auf physikalische oder chemische Signale reagieren, diese erfassen und in ein elektrisches Signal umwandeln, das beispielsweise zur qualitativen oder quantitativen Auswertung herangezogen werden kann.