MMaterialNews vom 23.07.2010

Nano-Elektronik: Schmale Nanobänder für Graphen-Transistoren

In der aktuellen «Nature»-Ausgabe berichten Forscher der Empa und des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung, wie es ihnen erstmals gelungen ist, mit einer einfachen chemischen Methode wenige Nanometer breite Bänder aus Graphen auf Oberflächen wachsen zu lassen. Graphenbänder gelten als «heisse Kandidaten» für künftige Elektronikanwendungen, da sich – je nach Breite und Randform – ihre Eigenschaften einstellen lassen.
Transistoren auf Graphenbasis gelten als mögliche Nachfolger für die heute gebräuchlichen Bauteile aus Silizium. Bestehend aus zweidimensionalen Kohlenstoffschichten besitzt Graphen etliche herausragende Eigenschaften: Es ist nicht nur härter als Diamant, extrem reissfest und undurchlässig für Gase, sondern auch ein ausgezeichneter elektrischer und thermischer Leiter. Weil Graphen allerdings ein Halbmetall ist, besitzt es – im Gegensatz zu Silizium – keine elektronische Bandlücke und somit keine Schalteigenschaften – DIE Hauptvoraussetzung für Elektronik-Anwendungen. Forscher der Empa und des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung in Mainz sowie der ETH Zürich und der Universitäten Zürich und Bern entwickelten deshalb ein neues Verfahren, um Graphenbänder mit Bandlücken herzuzustellen.

Graphenbänder im Nanometermassstab

Bis anhin wurden Bänder aus grösseren Graphenschichten «geschnitten», etwa so wie Tagliatelle aus einem Pastateig. Oder Kohlenstoffnanoröhrchen wurden der Länge nach aufgetrennt. In den Bändern entsteht dadurch über einen quantenmechanischen Effekt eine Bandlücke – ein Energiebereich, in dem sich keine Elektronen befinden können und der die physikalischen Eigenschaften wie etwa die Schaltfähigkeit bestimmt. Breite (und Randform) des Graphenbandes bestimmen die Grösse der Bandlücke und beeinflussen dadurch die Eigenschaften eines daraus konstruierten Bauteils.

Falls sich Graphenbänder nun extrem schmal – deutlich unter zehn Nanometer – und noch dazu mit wohl definierten Rändern herstellen liessen, so die Idee, dann könnten daraus Bauteile mit massgeschneiderten optischen und elektronischen Eigenschaften resultieren: Je nach Bedarf kann über die Manipulation der Bandlücke die Schalteigenschaft eines Transistors eingestellt werden. Alles andere als trivial, denn die bis jetzt dafür verwendeten lithografische Methoden, etwa zum Schneiden, stossen hier an fundamentale Grenzen; sie liefern zu breite Bänder mit diffusen Rändern.

Graphenbänder wachsen lassen

In der «Nature»-Ausgabe vom 22. Juli 2010 beschreiben die Forscher um Roman Fasel, Senior Scientist an der Empa und Professor für Chemie und Biochemie an der Universität Bern, und Klaus Müllen, Direktor am Max-Planck-Institut für Polymerforschung, eine einfache oberflächenchemische Methode, mit der sich derart schmale Bänder ganz ohne zu schneiden herstellen lassen – also «bottom-up», aus den Grundbausteinen. Dazu brachten sie unter Ultrahochvakuumbedingungen auf Gold- oder Silberoberflächen spezielle, an «strategisch» wichtigen Positionen halogensubstituierte Monomere auf, die sich in einem ersten Reaktionsschritt zu Polyphenylenketten verbanden.

In einem zweiten, durch stärkeres Erhitzen eingeleiteten Reaktionsschritt, in dem Wasserstoffatome entzogen wurden, koppelten die Ketten zu einem planaren, aromatischen Graphensystem. So entstanden atomar dünne Graphenbänder von einem Nanometer Breite und einer Länge bis zu 50 Nanometer. Damit sind die Graphenbänder so schmal, dass sie eine elektronische Bandlücke aufweisen und nun wie Silizium Schalteigenschaften besitzen – ein erster, wichtiger Schritt für den Wechsel von der Silizium-Mikro- zur Graphen-Nano-Elektronik. Doch damit nicht genug: Je nachdem, welche Monomere die Forscher verwendeten, bildeten sich Graphenbänder mit unterschiedlicher räumlicher Struktur – entweder gradlinige oder zickzackförmige.

Untersuchungen zu weiteren Eigenschaften

Da die Forscher nun Graphenbänder (fast) nach Belieben herstellen können, möchten sie als nächstes untersuchen, wie sich etwa die magnetischen Eigenschaften der Graphenbänder in Abhängigkeit von den verschiedenartigen Rändern beeinflussen lassen. Die oberflächenchemische Methode eröffnet aber auch interessante Perspektiven hinsichtlich der gezielten Dotierung von Graphenbändern: Die Verwendung von Monomerbausteinen mit Stickstoff- oder Boratomen an genau definierten Positionen oder von Monomeren mit zusätzlichen funktionellen Gruppen müsste die Herstellung positiv und negativ dotierter Graphenbänder ermöglichen.

Auch eine Kombination verschiedenartiger Monomere ist möglich und könnte beispielsweise die Herstellung so genannter Heteroübergänge erlauben – Schnittstellen zwischen verschiedenartigen Graphenbändern, etwa mit kleiner und grosser Bandlücke –, die in Solarzellen oder Höchstfrequenzbauelementen zum Einsatz kommen könnten. Dass das zugrunde liegende Bauprinzip auch hierfür funktioniert, haben die Forscher bereits bewiesen: Mit zwei passenden Monomere haben sie mit einem Knotenpunkt drei Graphenbänder miteinander verknüpft.

Bis anhin konzentrierten sich die Forscher auf Graphenbänder auf Metalloberflächen. Damit die Graphenbänder allerdings für die Elektronik genutzt werden können, müssen diese auf Halbleiteroberflächen hergestellt oder Methoden entwickelt werden, um die Bänder von Metall- auf Halbleiteroberflächen zu übertragen. Und auch hierfür stimmen erste Ergebnisse die Forscher bereits zuversichtlich.

Quelle: Empa – 22.07.2010.

Literaturangaben:

«Atomically precise bottom-up fabrication of graphene nanoribbons», J. Cai, P. Ruffieux, R. Jaafar, M. Bieri, T. Braun, S. Blankenburg, M. Muoth, A.P. Seitsonen, M. Saleh, X. Feng, K. Müllen, R. Fasel, Nature, 22 July 2010, Vol. 466, No. 7305, pp 470-473, doi:10.1038/nature09211

Weitere Informationen

Prof. Dr. Roman Fasel
Empa
nanotech@surfaces
Tel. +41 44 823 43 48
roman.fasel@empa.ch

Prof. Dr. Klaus Müllen
Max-Planck-Institut für Polymerforschung Mainz
Synthetische Chemie
Tel. +49 6131 379 151
muellen@mpip-mainz.mpg.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Since its discovery, graphene—an unusual and versatile substance composed of a single-layer crystal lattice of carbon atoms—has caused much excitement in the scientific community. Now, Nongjian (NJ) Tao, a researcher at the Biodesign Institute at Arizona State University has hit on a new way of making graphene, maximizing the material’s enormous potential, particularly for use in high-speed electronic devices.
Along with collaborators from Germany’s Max Planck Institute, the Department of Materials Science and Engineering, University of Utah, and Tsinghua University, Beijing, Tao created a graphene transistor composed of 13 benzene rings. The molecule, known as a coronene, shows an improved electronic band gap, a property which may help to overcome one of the central obstacles to applying graphene technology for electronics. Tao is the director of the Biodesign Institute's Center for Bioelectronics... mehr
New, Simple Technique Enables Large-Scale Production of Graphene at Room Temperature; Researchers Use Graphene to Build Chemical Sensors, Ultracapacitors
Researchers at Rensselaer Polytechnic Institute have developed a simple new method for producing large quantities of the promising nanomaterial graphene. The new technique works at room temperature, needs little processing, and paves the way for cost-effective mass production of graphene. An atom-thick sheet of carbon arranged in a honeycomb structure, graphene has unique mechanical and electrical properties and is considered a potential heir to copper and silicon as the fundamental building block... mehr
Scientists have made a breakthrough toward creating nanocircuitry on graphene, widely regarded as the most promising candidate to replace silicon as the building block of transistors.
They have devised a simple and quick one-step process based on thermochemical nanolithography (TCNL) for creating nanowires, tuning the electronic properties of reduced graphene oxide on the nanoscale and thereby allowing it to switch from being an insulating material to a conducting material. The technique works with multiple forms of graphene and is poised to become an important finding for the development of graphene electronics. The research appears in the June 11, 2010, issue of the journal... mehr
Research could yield novel composites, touch-screen displays
In a development that could lead to novel carbon composites and touch-screen displays, researchers from Rice University and the Technion-Israel Institute of Technology today unveiled a new method for producing bulk quantities of one-atom-thick sheets of carbon called graphene. The research is available online in the journal Nature Nanotechnology. When stacked together, graphene sheets make graphite, which has been commonly used as pencil lead for hundreds of years. It wasn't until 2004 that... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Bruchmechanik
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Keramographie
Thermographie
Medizintechnische Untersuchungen
Charakterisierung von Fügetechnologien
Korrosionstests
Charakterisierung von Coatings
Schadensanalyse von Bauteilen
Metallographie
Element-Mapping
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Composites
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Katalysatoren
Automotive Testing
Barriere-Eigenschaften
Schadensanalyse von Produkten
Prüfung von Kunststoffen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Bruchmechanik
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Keramographie
Thermographie
Medizintechnische Untersuchungen
Charakterisierung von Fügetechnologien
Korrosionstests
Charakterisierung von Coatings
Schadensanalyse von Bauteilen
Metallographie
Element-Mapping
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Composites
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Katalysatoren
Automotive Testing
Barriere-Eigenschaften
Schadensanalyse von Produkten
Prüfung von Kunststoffen
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Frederic P. Miller et al.
Alphascript Publishing
S. Saito, A. Zettl
Elsevier Science & Technology

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Bandlücke
Der Begriff „Bandlücke“ charakterisiert den energetischen Abstand zwischen dem Valenz- und dem Leitungsband eines Festkörpers, er wird üblicherweise in der Einheit Elektronenvolt (eV) angegeben.
Bottom-Up
Als Bottom-Up Verfahren (engl. etwa "von unten nach oben") bezeichnet man Methoden und Verfahrensstrategien in der Nanotechnologie, die nanoskalige Materialien aus kleineren Einheiten aufbauen.
Chemie
Die Chemie ist eine exakte Naturwissenschaft. Sie beschäftigt sich mit dem Aufbau, den Eigenschaften und der Umwandlung von Stoffen. Chemische Vorgänge gehen immer mit einer Stoffänderung einher.
Diamant
Diamant (Dichte = 3,52 g/cm³) ist eine Modifikation des Kohlenstoffs. Diamant besitzt eine Mohshärte von 10 und ist damit das härteste bekannte Material, seine Schleifhärte ist etwa 140-mal größer als die des Korund (Al2O3). Diamant kristallisiert im kubischen Kristallsystem, besitzt einen hohen Brechungsindex und ist in reinem Zustand farblos und transparent, seine Strichfarbe ist weiß. Diamant ist ein exzellenter Wärmeleiter und zugleich ein perfekter elektrischer Isolator.
Dotierung
Unter einer Dotierung versteht man das gezielte Einbringen von Fremdatomen in ein anderes Material in sehr geringer Konzentration. Durch eine Dotierung werden neue Materialeigenschaften maßgeschneidert eingestellt – typischerweise lässt sich die Leitfähigkeit oder die Kristallstruktur gezielt modifizieren.
Elektronen
Elektronen sind elektrisch negativ geladene Elementarteilchen, sie werden mit dem Symbol e- abgekürzt. Elektronen halten sich in der Atomhülle auf und bestimmen das chemische Verhalten der jeweiligen Atome.
Gold
Gold (Au, Dichte: 19,3 g/cm3, Fp: 1064 °C) ist ein goldgelb glänzendes, extrem duktiles (Blattgold) und chemisch sehr beständiges Edel- und Schwermetall. Verwendung: Wertanlage, Schmuck, Münzen, Medizintechnik, Bonddrähte, Leiterplatten, Kontaktwerkstoff, Legierungselement.
Graphen
Als Graphen bezeichnet man einzelne Kohlenstoffschichten, die die Wabenstruktur des Graphits zeigen. Sie sind aus monoatomar dünnen Schichten aus sp2-hybridisiertem Kohlenstoff aufgebaut.
Kohlenstoffnanoröhrchen
Kohlenstoffnanoröhrchen sind typische Nanomaterialien. Es handelt sich dabei um kleine dreidimensionale Strukturen mit röhrenförmiger Geometrie, die aus Kohlenstoffatomen aufgebaut sind. Die Wände von Kohlenstoffnanoröhrchen bestehen aus sp2-hybridisierten Kohlenstoff – analog zu Graphit und Fullerenen. Die Kohlenstoffatome generieren eine wabenartige Struktur aus Sechsecken mit jeweils drei direkten Bindungspartnern.
Nanometer
Ein Nanometer entspricht dem milliardsten Teil eines Meters (10-9 m = 1nm) – diese Dimension ist ungefähr 70.000 mal dünner als ein menschliches Haar.
PP
PP ist die Kurzform für den thermoplastischen Kunststoff Polypropylen, der zur Gruppe der Polyolefine gehört. Polypropylen wird durch Polymerisation von Propen mit Hilfe von Katalysatoren gewonnen.