MMaterialNews vom 20.05.2010

Medizin: Biodegradierbar, osteo-induktiv und maßgeschneidert - Eine neue Generation von Implantaten auf dem Vormarsch

Forscher des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT haben im Rahmen des BMBF geförderten Verbundprojekts RESOBONE ein formgebendes Verfahren zur Herstellung biodegradierbarer Implantate mittels Laserstrahl entwickelt.
Das generative Fertigungsverfahren ermöglicht die Anpassung des Implantats an den individuellen Defekt. Das interkonnektive Porensystem sorgt für ein verbessertes Einwachsverhalten von Gefäßen und Bindegewebszellen in das Implantat und somit für seine gute Biodegradierbarkeit.

Die Regenerationsfähigkeit von Knochen ist begrenzt. Sind sie durch eine Krankheit wie zum Beispiel einen Tumor oder einen Unfall zu stark geschädigt, müssen sie durch Implantate ersetzt werden. Derzeit arbeiten Chirurgen hauptsächlich mit permanenten Titan-Implantaten. Um ihr Einwachsverhalten und ihre Verträglichkeit zu verbessern, entwickelten Forscher des Fraunhofer ILT ein Verfahren zur Herstellung poröser Implantate aus einer Titan-Legierung. Gefertigt werden diese Implantate mit dem Selective Laser Melting (SLM), einem generativen Laserverfahren, das bereits Anfang der Neunziger Jahre von den Aachener Forschern entwickelt und für den medizinischen Bereich weiter spezifiziert wurde. Im Duisburger St. Johannes Hospital wurde 2008 erstmals einer Patientin eine mit SLM gefertigte Hüftpfanne erfolgreich eingesetzt. Die 35-Jährige benötigte aufgrund einer extremen Hüftverformung eine Sonderanfertigung, die dank des innovativen Fertigungsverfahrens realisiert werden konnte. Mittlerweile werden von dem beteiligten Projektpartner jährlich 30-40 Implantate mit dem SLM-Verfahren hergestellt.

Häufig ist es gar nicht nötig oder sogar hinderlich, dass Implantate langfristig in ihrer Ursprungsform im Körper des Patienten verbleiben. Besonders im Bereich der Kinderchirurgie sind permanente Implantate problematisch, da sie durch das Wachstum der Kinder schon nach kurzer Zeit zu klein sein können und operativ entfernt beziehungsweise ausgetauscht werden müssen. Mediziner fordern daher biodegradierbare Implantate mit osteo-induktiven Eigenschaften: Implantate, die sich mit der Geschwindigkeit des Knochenwachstums abbauen und dieses gleichzeitig gezielt anregen. Nach einiger Zeit sollen sie komplett durch körpereigenes Material ersetzt werden und den Heilungsprozess auf diese Weise beschleunigen. Zudem soll das Implantat dem Defekt individuell angepasst werden und eine bestmögliche Verträglichkeit im Körper aufweisen. Ein großer Vorteil beim Einsatz von degradierbaren Implantaten besteht darin, dass es im Falle eines krankheitsbedingten Defekts nur noch eines einzigen operativen Eingriffs am Patienten bedarf.

Feinste Kanäle sorgen für verbesserte Degradierbarkeit

Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Aachen, dem Lehrstuhl für Gesteinshüttenkunde der RWTH Aachen und dem Lehr- und Forschungsgebiet Zahnärztliche Werkstoffkunde und Biomaterialforschung (ZWBF) der RWTH Aachen haben sich Forscher des Fraunhofer ILT dieser Aufgabe gestellt. Im Rahmen des Projekts RESOBONE haben sie auf Basis ihrer Erfahrungen mit SLM-gefertigten permanenten Implantaten ein Verfahren zur Herstellung biodegradierbarer Implantate entwickelt. Dieses Fertigungsverfahren ermöglicht es, biodegradierbare Implantate vor der Operation hinsichtlich ihrer Makrostruktur individuell an den Defekt des Patienten anzupassen. Die präzise definierte Mikrostruktur des Implantats sorgt schließlich für seine Porösität. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass das Implantat mit der Zeit vom Körper resorbiert werden kann. Dazu bedarf es durchgehender Kanäle, so dass Blut und Zellen das Implantat vollständig durchdringen können. „Diese schwammartige Gitterstruktur zu schaffen, stellte die große Herausforderung während der Verfahrensentwicklung dar“, so Simon Höges, Projektleiter am Fraunhofer ILT. „Bislang war die Durchdringung des Implantats durch Körperzellen nur sehr beschränkt möglich. Das neue Verfahren versetzt uns in die Lage, mit einer Genauigkeit von 100 µm Porenkanäle von 500 bis 1000 µm Durchmesser zu generieren. In diesem Zusammenhang spielt auch der Werkstoff, aus dem das Implantat gefertigt wird, eine entscheidende Rolle.“ ?-Tricalciumphosphat (?-TCP) bietet sich als Material zur Herstellung biodegradierbarer Implantate an, da es als Bestandteil des menschlichen Knochens für ein optimales Einwachsverhalten im Körper sorgt. Allerdings lässt sich ?-TCP aufgrund seiner chemischen Struktur nicht direkt durch Schmelzen verarbeiten. Somit eignet es sich nur bedingt für die Verarbeitung mit dem SLM-Verfahren. „Es galt also, einen Zusatzstoff zu finden, der dem pulverisierten ?-TCP beigemischt wird und dessen Vorteile mit einer besseren Schmelzbarkeit vereint. In dem degradierbaren Polymer Polyactid (PLA) haben wir diesen Stoff schließlich gefunden“, erklärt Höges. PLA schmilzt bereits unter 200 °C und eignet sich hervorragend für die Verarbeitung durch SLM. Mit diesem Verbundwerkstoff konnte schließlich die Fertigung des biodegradierbaren Implantats realisiert werden. Seine Basis bildet weiterhin das ?-TCP, während das beigemischte PLA für die Formgebung sorgt.

Schicht für Schicht zum persönlichen Implantat

Für die Herstellung des degradierbaren Implantats wird zunächst eine Computertomografie-Aufnahme des bestehenden Knochens angefertigt. Basierend auf den Daten des Defekts werden die Konturen des Implantats virtuell konstruiert. Zusätzlich wird auf Grundlage eines Softwaremodells eine definierte Porenstruktur in das virtuelle Implantat eingebracht. So entsteht eine präzise Vorlage für die Mikro- und die Makrostruktur des zu fertigenden Implantats. Nun kann der eigentliche Fertigungsprozess beginnen: Ein Laserstrahl schmilzt eine hauchdünne Pulverschicht des Werkstoffs durch lokalen Wärmeeintrag gemäß der im Modell vorgegebenen Struktur. Anschließend wird eine weitere Pulverschicht aufgetragen, die ebenfalls mikrometergenau eingeschmolzen wird. Auf diese Weise wird das maßgeschneiderte Implantat schichtweise aus dem Pulverwerkstoff generiert. Materialverluste gibt es dabei nicht, überschüssiges Pulver kann wiederverwendet werden. Das Resultat ist ein biodegradierbares Implantat mit poröser Struktur aus einem Guss.

Auf Basis der in diesem Projekt gewonnenen Erkenntnisse steht mit SLM nun ein reproduzierbares, formgebendes Verfahren zur Verfügung, das das Potenzial zur Fertigung maßgeschneiderter biodegradierbarer Implantate mit definierter Porenstruktur besitzt. Für die Herstellung von Einzelstücken eignet sich das Verfahren ebenso wie für die Kleinserienfertigung. Dabei sind die Anwendungsbereiche vielfältig: Mit SLM lassen sich neben nicht lasttragenden Knochenimplantaten auch biomedizinische Produkte wie biodegradierbare Stents fertigen, die nach Erfüllung ihrer Aufgabe völlig vom Körper resorbiert werden. Auch in der Kieferchirurgie lässt sich das Verfahren zur Rekonstruktion von Defekten im Kieferknochen einsetzen. Derzeit testen Höges und sein Team in Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern vom Lehr- und Forschungsgebiet Zahnärztliche Werkstoffkunde und Biomaterialforschung (ZWBF) weitere Materialien für die Fertigung von Implantaten, um deren Einwachsverhalten zu optimieren.

Die abschließenden Ergebnisse des Verbundprojekts RESOBONE stellt Simon Höges am 14. Juli 2010 im Rahmen eines Seminars im Universitätsklinikum Aachen vor. Des Weiteren sind Vorträge von Projektpartnern zu diesem Thema geplant. Nähere Informationen zu dieser Veranstaltung können Interessenten unter www.ilt.fraunhofer.de im Bereich Messen & Veranstaltungen finden.

Quelle: Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT / IDW - 20.05.2010.

Weitere Informationen

Simon Höges
Rapid Manufacturing
Telefon +49 241 8906-360
simon.hoeges@ilt.fraunhofer.de

Dr. Wilhelm Meiners
Rapid Manufacturing
Telefon +49 241 8906-301
wilhelm.meiners@ilt.fraunhofer.de

Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT
Steinbachstraße 15
52074 Aachen
Telefon +49 241 8906-0
Fax +49 241 8906-121

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Spenderhornhäute sind rar: Allein in Deutschland warten jährlich etwa 7000 Patienten auf das winzige Stück Gewebe. Ein Implantat aus Kunststoff kann künftig insbesondere für Ultima-Ratio Patienten eine Möglichkeit bieten, wieder zu sehen.
Für viele Patienten, die nach einem Unfall oder einer Krankheit erblinden, könnte eine Hornhauttransplantation das Sehvermögen wieder herstellen. Jährlich warten in Europa 40 000 Menschen – in Deutschland etwa 7000 – auf die Chance dank eines Hornhautspenders wieder sehen zu können. Doch Spenderhornhäute sind rar. Dr. Joachim Storsberg vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP in Potsdam-Golm hat Material und Herstellungsverfahren für eine Hornhautprothese aus Kunststoff... mehr
A “metal foam” that has a similar elasticity to bone could mean a new generation of biomedical implants that would avoid bone rejection that often results from more rigid implant materials, such as titanium.
Researchers at North Carolina State University have developed the metal foam, which is even lighter than solid aluminum and can be made of 100 percent steel or a combination of steel and aluminum. In a new paper, researchers have reported recent findings that, in addition to the extraordinary high-energy absorption capability and light weight of their novel composite foams, the “modulus of elasticity” of the foam is very similar to that of bone. Modulus of elasticity measures a material’s... mehr
BIOSS-Professor erforscht neue Strategie zur Herstellung von Knie-Implantaten
Verletzungen an Gelenkknochen und Knorpeln können gravierende Folgen haben, bis hin zur Arthrose. Die degenerative Veränderung der Gelenkknorpel zählt nicht nur in Deutschland zu den gefürchteten Volkskrankheiten. Prof. Dr. Prasad Shastri ist Experte für Tissue Engineering (TE), die Gewebekonstruktion und Gewebezüchtung aus körpereigenen Zellen. Seit einem Jahr forscht er als Professor für Biofunktionale Makromolekulare Chemie im Exzellenzcluster BIOSS, dem Zentrum für Biologische Signalstudien... mehr
Materialforscher und Nanowissenschaftler des Augsburger Physik-Instituts kooperieren in neuem DFG-Projekt mit Kernphysikern und Medizinern aus München und Mannheim/Heidelberg.
Die Erforschung und Herstellung von Beschichtungen, die das Einheilverhalten medizinischer Implantate verbessern und den Abrieb künstlicher Gelenke sowie dadurch auch entsprechende Infektionsraten reduzieren, sind das Ziel eines neuen, mit rund 750.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten interdisziplinären Projekts, dessen beteiligte Wissenschaftler - Physiker und Mediziner der Universität Augsburg, der LMU und der TU München und des Universitätsklinikums Mannheim... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Untersuchung von Diffusionsschichten
Bruchmechanik
Charakterisierung von Composites
Barriere-Eigenschaften
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Katalysatoren
Automotive Testing
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Element-Mapping
Thermographie
Charakterisierung von Fügetechnologien
Prüfung von Kunststoffen
Keramographie
Korrosionstests
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Charakterisierung von Coatings
Medizintechnische Untersuchungen
Metallographie
Untersuchung von Diffusionsschichten
Bruchmechanik
Charakterisierung von Composites
Barriere-Eigenschaften
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Katalysatoren
Automotive Testing
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Element-Mapping
Thermographie
Charakterisierung von Fügetechnologien
Prüfung von Kunststoffen
Keramographie
Korrosionstests
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Charakterisierung von Coatings
Medizintechnische Untersuchungen
Metallographie
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Kenneth E. Gonsalves
Wiley & Sons
Erich Wintermantel, Suk-Woo Ha
Springer, Berlin

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Laser
Laser steht für „Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation“ – übersetzt: „Lichtverstärkung durch stimulierte Emission von Strahlung“. Laser sind künstliche Strahlungsquellen, deren Strahlung durch ein sehr enges Frequenzspektrum, hohe Parallelität und eine große Kohärenzlänge charakterisiert ist.
Legierung
In den Materialwissenschaften versteht man unter einer Legierung ein Gemenge mit metallischem Charakter, das aus zwei oder mehr chemischen Elementen besteht - mindestens eines dieser Elemente muss ein Metall sein.
Mikrostruktur
In der Materialwissenschaft und in der Werkstoffkunde versteht man unter der Mikrostruktur das Gefüge und die auflösbare Feinstruktur eines Festkörpers.
PLA
Die Abkürzung PLA leitet sich vom englischen Begriff „polylactic acid“ ab und kann mit Polylactide oder auch Polymilchsäuren übersetzt werden. Sie bilden eine Gruppe von durch Wärmezufuhr verformbaren Kunststoffen – so genannten Thermoplasten.
Schmelzen
Als Schmelzen bezeichnet man in den Materialwissenschaften den Übergang eines Stoffes vom festen in den flüssigen Aggregatzustand. Dieser Vorgang erfolgt für Reinstoffe bei konstantem Druck immer bei einer bestimmten Temperatur, diese wird Schmelzpunkt genannt.
Titan
Titan (Ti, Dichte: 4,50 g/cm3, Fp: 1668 °C) ist ein weiß-metallisch glänzendes, festes, dehnbares, korrosions- und temperaturbeständiges Leichtmetall. Die Korrosionsbeständigkeit basiert auf der Ausbildung einer äußerst beständigen, haftenden und dichten oxidischen Schutzschicht. Verwendung: Legierungselement, Sportgeräte, Implantate, Flugzeugbau, Chemietechnik.
Verbundwerkstoff
Ein Verbundwerkstoff ist ein Materialsystem, das aus mindestens zwei miteinander verbundenen bzw. kombinierten Werkstoffen aufgebaut ist. Ein Verbundwerkstoff hat ein anderes Eigenschaftsprofil als die Materialien aus denen er aufgebaut ist.