MMaterialNews vom 20.05.2009

Nachwachsende Windmühlen

Naturfaserverstärkte Kunststoffe in der Gondel und Bioschmierstoffe im Getriebe von Windkraftanlagen erfolgreich getestet.
Zwei Forschungsprojekte zum Einsatz nachwachsender Rohstoffe in Windkraftanlagen (WKA) wurden vor kurzem erfolgreich abgeschlossen: Während die Invent GmbH den Prototypen einer Gondel aus natur- und glasfaserverstärkten Kunststoffen für eine 1,5-MW-WKA herstellte, testeten die Fuchs Petrolub AG mit ihren Gesellschaften Fuchs Lubritech GmbH und Fuchs Europe Schmierstoffe GmbH gemeinsam mit 5 Partnern den Einsatz von Schmierölen und -fetten auf Pflanzenöl-Basis in Getrieben und Lagern von WKA.

In beiden Projekten zeigten sich die nachwachsenden Rohstoffe in technischer Sicht mindestens ebenbürtig zu den bislang üblichen konventionellen Produkten. Der Bioschmierstoff-Einsatz ist künftig insbesondere auch für Offshore-WKA interessant.

Gefördert wurden beide Vorhaben durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) über dessen Projektträger, die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR).

Für die Herstellung der Hybrid-Gondel aus natur- und glasfaserverstärkten Kunststoffen (NFK- bzw. GFK) mussten die etablierten Produktionsprozesse nur minimal modifiziert werden. Dass Naturfasern nicht so leicht splittern wie Glasfasern, haben die Mitarbeiter der Firma Fassmer, dem Projektpartner der Firma Invent, bei dem durch viel Handarbeit geprägten Herstellungsprozess schnell schätzen gelernt. Etwas aufwändiger gestaltete sich dafür die Drapierung der relativ steifen Naturfasermatten, die häufiger eingeschnitten werden mussten. Optimierungsbedarf besteht noch im Quellverhalten der Naturfasern, da momentan eine größere Harzmenge zur Benetzung benötigt wird. Aus diesem Grund ist die Hybrid-Gondel auch insgesamt noch schwerer als das reine GFK-Modell. Da der Laminataufbau jedoch bisher mit wenig angepasster Technik erfolgte, rechnen die Unternehmen künftig mit Gewichtsminimierungen. Hilfestellungen erwarten sie hierbei aus anderen FNR-Projekten, bei denen an der Fragestellung "Faser-Matrixhaftung und Oberflächenmodifizierung an Naturfasern" geforscht wird.

Als Matrix kam ein Polyesterharz zum Einsatz, das im Vergleich zu den reinen GFK-Modellen bei leicht erhöhten Temperaturen aushärtete. Zukünftig ist die Verwendung eines kalthärtenden pflanzenölbasierten Biopolymers der Firma HOBUM geplant, womit sich der Anteil nachwachsender Rohstoffe in der Gondel weiter erhöhen würde.

Für den Gondel-Prototypen ist nun der Praxistest auf einer echten WKA vorgesehen. Fällt der positiv aus, steht dem breiten Einsatz des neuen Werkstoffs NFK-GFK nichts mehr im Wege. Interessant ist er dann nicht nur für die Windkraftbranche, sondern auch für den Schiffbau, zum Beispiel für die Konstruktion von Decksaufbauten und Schornsteinverkleidungen.
Ohne Schmierung dreht sich bei einer WKA nichts, schon gar nicht die vielfältigen Getriebe. Je nach Getriebeart müssen die Schmieröle, die hier zum Einsatz kommen, technisch sehr anspruchsvolle, aber stark variierende Anforderungen erfüllen.

Bei den umfangreichen praxisnahen Versuchen konnten die beiden Fuchs-Gesellschaften zusammen mit einer Reihe von Partnern zeigen, dass Bioschmieröle diesen Herausforderungen im vollem Umfang gerecht werden. Beteiligt waren neben Fuchs der WKA-Hersteller GE Wind Energy, der Getriebehersteller Bosch Rexroth, die Lagerhersteller Rothe Erde und SKF sowie der Filterhersteller Hydac. Das Institut für Maschinenelemente der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen unterstützte das Vorhaben wissenschaftlich und dokumentierte die Arbeiten.

Im Ergebnis weisen die Bioöle gegenüber konventionellen Schmierölen sogar einen großen Plus-Punkt auf:

Um die Schmiereigenschaften zu verstärken, werden konventionelle Schmierstoffe mit Additiven versetzt. Je höher deren Konzentrationen, desto eher neigen sie bei bestimmten Betriebsbedingungen zu einer Verschlammung, was wiederum häufigere Filterwechsel erfordert.

Bioschmierstoffe dagegen besitzen eine hohe natürliche Schmierkraft, so dass sie weniger Additive benötigen. Entsprechend längere Filterwechsel-Intervalle bieten gerade auch für den Einsatz in Offshore-WKA Vorteile, sind doch Wartungsarbeiten auf See ungleich aufwändiger und teurer als an Land.

Die Firma Hydac Filtertechnik testete im Rahmen des Projektes, ob sich Bioschmierstoffe über moderne Ölüberwachungssysteme kontrollieren lassen. Mit Hilfe von Condition Monitoring-Systemen kann auf elektronischem Weg eine Fernüberwachung einzelner Komponenten einer WKA, auch der Schmierstoffe, erfolgen. Condition Monitoring arbeitet unter anderem mit optischen Sensoren, in diesem Zusammenhang stellte sich die hellere Grundfarbe der Bioschmieröle im Vergleich zu der der konventionellen Öle als vorteilhaft heraus.

Alle getesteten Bioschmierschmierstoffe sind bereits am Markt erhältlich. Die Fuchs Lubritech und die Fuchs Europe Schmierstoffe haben zum Jahresbeginn eigens zur Betreuung des Windkraftmarktes eine "Fuchs Windpower Division" gegründet. Sie verbindet mit den positiven Projektergebnissen die Hoffnung, dass sich die Marktanteile nun deutlich steigern lassen.

Der Einsatz von Bioschmierfetten im Gegensatz zu Bioschmierölen ist in WKA bislang noch wenig verbreitet. Daher wurde zunächst getestet, ob diese Produkte die hohen Anforderungen erfüllen. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass das Reibungsverhalten positiv beeinflusst wurde. Inwieweit dies auch in einen geringeren Lagerverschleiß mündet, muss noch weiter analysiert werden.

Die Ergebnisse aus diesen beiden Forschungsprojekten zeigen, dass es zukünftig möglich sein wird, die Energiegewinnung aus Wind durch den Einsatz von Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen noch nachhaltiger und umweltfreundlicher zu machen. Die vollständigen Abschlussberichte zu den Projekten WKA-Gondel und Bioschmierstoffe für WKA stehen auf www.fnr.de zum Download bereit.

Quelle: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. / IDW.

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Exponat demonstriert die Praxisreife von Biowerkstoffen
Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR), Projektträger des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), beteiligt sich auch in diesem Jahr am weltgrößten Ausstellungskongress für Chemietechnik und Prozessindustrie. Im Mittelpunkt der FNR-Präsentation am Stand J 21 in Halle 4.2 stehen die Themen Biokunststoffe, Biowerkstoffe und Weiße Biotechnologie. Unter anderem ist das BioConcept-Car des Musikers und Rennfahrers Smudo zu besichtigen, das exemplarisch... mehr
Kunststoffe basieren meist auf Erdöl. Ein Bio-Kunststoff, der zu hundert Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, schont diese Ressource.
Nun haben die Forscher den Kunststoff so optimiert, dass er sich auch für kindgerechte Produkte eignet – etwa für Krippenfiguren. Spielzeug muss einiges aushalten: Kleinere Kinder lutschen daran, Milchzähne bohren sich hinein, Bobbycars schleifen es ein paar Meter mit, und dann und wann muss es auch mal eine regnerische Nacht im Garten überstehen. Bei alledem dürfen sich keine Weichmacher oder Schwermetalle aus dem Material lösen, die Kinder gefährden könnten. Künftig können Spielzeuge... mehr
Neue, mit Papierwaben stabiliserte Naturfaserwerkstoffe für selbsttragende Autobauteile.
Die Firma R+S Technik hat einen Werkstoff aus Kunst- und Naturfaservliesen mit einer stabilisierenden Papierwabenschicht sowie das dafür notwendige Herstellungsverfahren entwickelt. Damit steht erstmals ein 100-prozentig recyclingfähiges Material zur Verfügung, das sich auch für freitragende Ausbauteile wie PKW-Dachhimmel eignet. Gleichzeitig ist der Werkstoff kostengünstiger als die bislang eingesetzten duroplastischen Polyurethan-Faserverbunde. Gefördert wurde das Vorhaben über die Fachagentur... mehr
Aufbereitung aller anwendungsrelevanten Informationen für die Kunststoffbranche
Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR), Projektträger des Bundeslandwirtschaftsministeriums, fördert die Erstellung von Regelwerken rund um das Spritzgießen und Formpressen von naturfaserverstärkten Kunststoffen. Die Dokumentationen richten sich direkt an Konstrukteure und Entscheider in der Kunststoffbranche, denn noch stehen fehlende Informationen dem verstärkten Einsatz des vielversprechenden Werkstoffs entgegen. Die Datensammlung wird erstellt von der Technischen Universität... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Metallographie
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Composites
Keramographie
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Coatings
Element-Mapping
Gefüge-Analytik
Thermographie
Prüfung von Kunststoffen
Bruchmechanik
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Automotive Testing
Untersuchung von Diffusionsschichten
Barriere-Eigenschaften
Korrosionstests
Charakterisierung von Katalysatoren
Metallographie
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Composites
Keramographie
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Coatings
Element-Mapping
Gefüge-Analytik
Thermographie
Prüfung von Kunststoffen
Bruchmechanik
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Automotive Testing
Untersuchung von Diffusionsschichten
Barriere-Eigenschaften
Korrosionstests
Charakterisierung von Katalysatoren
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

David A. Grewell et al
Hanser Gardner
Bhagwan D. Agarwal et al.
John Wiley & Sons
Lawrence C. Bank
John Wiley & Sons
Anatole A. Klyosov
Wiley-Interscience

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Drapierung
Als Drapieren bezeichnet man das Aufbringen von flächigen Halbzeugen (etwa Matten, Geweben und Gelegen) auf gekrümmte Oberflächen von Bauteilen.
GFK
GFK ist die gebräuchliche Abkürzung für glasfaserverstärkte Kunststoffe.
NFK
Die Abkürzung NFK steht für naturfaserverstärkte Kunststoffe.
Naturfasern
Unter dem Begriff Naturfasern werden alle Textilfasern und Faserwerkstoffe zusammengefasst, die ohne chemische Veränderung aus pflanzlichem (etwa: Baumwolle, Hanf, Jute, Leinen, Sisal und Kokos) bzw. tierischem (etwa: Wolle, Kaschmir, Rosshaar und diverse Seiden) Material gewonnen werden.