MMaterialNews vom 23.01.2009

Das Fahrzeug der Zukunft

Reutlinger Studenten entwickeln visionäre Mobilitätskonzepte und innovative Fahrzeuginnenräume
Wie wird das Auto im Jahr 2100 aussehen? Wird es fahren, fliegen, laufen oder schweben? Diesen und anderen Fragen haben sich Reutlinger Studenten des fünften Semesters im Studiengang Transportation Interior Design gewidmet und ihren Visionen freien Lauf gelassen. Sie gestalteten innovative Fahrzeuginnenräume, Autositze und Armaturen. Gleichzeitig entwickelten Studierende des dritten Semesters innovative Businnenräume für den Einsatz von Leder. Ihre Ideen stellten die Teams an der Hochschule Reutlingen vor.
Monatelang haben die angehenden Designer des fünften Semesters im Studiengang Transportation Interior Design unter der Leitung ihrer Professoren Andrea Lipp und Michael Goretzky an der Konzeption eines visionären Fahrzeugs gearbeitet. Unter dem Motto "Changing Mobility" sollten sie innovative Mobilitätskonzepte entwerfen. Technische Unterstützung erhielten die Reutlinger dabei von Fahrzeugtechnik-Studenten der Hochschule Esslingen. Mit dieser besonderen Kooperation von Design- und Technikstudenten sollten die Studierenden noch besser auf die realen Bedingungen in der Praxis vorbereitet werden. Ihre gemeinsam erarbeiteten Ideen durften sie schließlich im Rahmen einer Präsentation an der Hochschule Reutlingen vorstellen.

Bei ihrem Mobilitätskonzept "Kentaro" gingen Franziska Schneyer, Antonis Schley und Simon Hägele davon aus, dass es im Jahr 2100 keine befestigten Straßen mehr geben wird. Sie entwickelten daher ein Fahrzeug, das sich auch in unwegsamem Gelände problemlos fortbewegen kann. Nicht auf vier Rädern, sondern mit vier "Beinen", die durch sogenannte "Fluidic Muscles" pneumatisch angetrieben werden, soll "Kentaro" enorme Geschwindigkeiten erzielen. Energie bezieht das "Laufzeug" aus einem Elektromotor. Dieser wird durch den Antrieb KAS (Kentaro Air Support) versorgt. Dabei handelt es sich der Vorstellung der Studenten zufolge um fliegende Drohnen, deren Rotoren mit Solarzellen überzogen sind. Die Energie wird in einer integrierten Batterie gespeichert und dann an das Hauptmobil abgegeben. Der Fahrer soll, wie auf einem Motorrad, volle Kontrolle über die Bewegungen seines Fahrzeugs bekommen und ist im hinteren Bereich des Fahrzeuginnenraums platziert. Seine beiden Mitfahrer sitzen versetzt vor ihm und können so den Fahrspaß und den Blick in die Natur ohne Einschränkung genießen.

Beim Konzept "Flowride" haben die Studenten Ema Orman, Philipp Herbert und Manuel Kimmerle ein Individualfahrzeug mit zwei Sitzen entworfen. In der Welt im Jahr 2100, wenn Straßen nicht mehr ausreichen, um sich in der Stadt fortzubewegen, soll dieses Fahrzeug auf Schienen schweben, ähnlich einer Magnetschwebebahn, jedoch mit Hilfe eines Supraleiters. Energie schöpft das Fahrzeug aus einem Akku, der während des Parkens über ein Windrad aufgeladen wird. Außerhalb der Stadt kann das Fahrzeug auch ohne Schienen fahren: Bei Bedarf wird dann eine Art Kettenantrieb ausgefahren. In diesem Fahrmodus kann der Fahrer selbst mit einer Art Joystick steuern, der Handbewegungen in Lenkbewegungen übersetzt.

Beim Modell "Urban Wildlife" handelt es sich um ein spinnenartiges Fahrzeug mit sechs Beinen, das von Desirée Castañeda-Moya, Dorothee Haid, Karola Hoffmann und Sebastian Scholze entwickelt wurde. "Urban Wildlife" richtet sich an Menschen, die ihr Leben an die Natur anpassen möchten. Auch in der Zukunftswelt dieser Studenten gibt es keine Straßen mehr, weshalb ihrer Vision zufolge ebenfalls ein Transportmittel vonnöten ist, welches ohne Räder auskommt. Das für drei Personen angelegte sechsbeinige Fahrzeug dient zum einen als Transportmittel. Zum anderen kann es zusätzlich als Raumerweiterung genutzt werden, indem das Fahrzeug an eine Wohnung andockt.

Unter dem Titel "Éclair" konzipierten Julian Flügel, Florian Walther und Felix Rathsack einen Sportwagen mit herausnehmbarem Sitz. Dieser Sitz kann als "Jetbike", also als fliegender Motorroller verwendet werden. So kann der Fahrer außerhalb der Stadt parken und sich mit dem Jetbike weiter fortbewegen. Das Jetbike fliegt mit Hilfe eines Ionenstrahlantriebs. Bei der Gestaltung achteten die Studenten auf die Verwendung von umweltfreundlichen und recyclebaren Materialien.

Das "Jetcar" von Claudio Vizziello ist ein Funsport-Mobil, das für das Jahr 2030 konzipiert wurde. Das Fahrzeug richtet sich an eine Zielgruppe, die ein gesundes und umweltbewusstes Leben führt. Das Jetcar wird ausschließlich durch alternative Energien wie Elektro-Radnabenmotoren bewegt und kann mit Hilfe eines sogenannten "Wind-Boosters" aktiv Energie zurückgewinnen. Zudem hat der Fahrer die Möglichkeit, einen Kite, also eine Art Segel zu spannen. Damit kann er das Jetcar allein durch Windenergie vorantreiben. Besonderen Komfort erhält das Fahrzeug durch seine exquisiten Details wie die im Sitz integrierten Vibrationstrainer und Massagegeräte.

Mit dem uni:car haben Stefanie Borimann und Anton Kravciuk ein Fahrzeug entwickelt, das speziell für den öffentlichen Personennahverkehr konzipiert ist. Der Käufer kann dabei individuell über die Farbe des Wagens, die Innenraumbeleuchtung und die Größe des Fahrzeugs entscheiden. uni:car ist größenvariabel und kann problemlos von einem Zweisitzer in einen Familienwagen umgewandelt werden. Durch natürliche Werkstoffe im Innenraum entsteht eine wohnliche und angenehme Atmosphäre. Gesteuert wird das Fahrzeug über Lenkgriffe und Gas- bzw. Bremsknöpfe.

Unter dem Titel "inspired by nature" entwickelten die Studenten Juliane Fengler, Sun Li und Rui Duarte einen solarbetriebenen Zweisitzer in der Größe einer A-Klasse, der speziell für den Einsatz in der Stadt konzipiert wurde. Angelehnt an den mit Haut überspannten Skelettaufbau von Tieren, besteht der Fahrzeugaufbau des Zukunftsmodells aus einem Metallgerüst, das von einer Folie überspannt wird. Fahrerfreundliche Armaturen und segmentartig aufgebaute Sitze bilden das Interieur des Fahrzeugs. Armaturen, Sitze und sogar das Exterieur lassen sich individuell verstellen, sodass der Wagen durch eine hohe Flexibilität besticht.

Auch Studierende des dritten Semesters haben sich im Studiengang Transportation Interior Design intensiv mit der Konzeption von innovativen Fahrzeuginnenräumen beschäftigt. Ihre Aufgabe bestand darin, in Kooperation mit der MAN Nutzfahrzeuge AG und der Firma Seton GmbH ein visionäres Bus-Interior aus Leder zu gestalten.

Arne Thiel, Patricia Lobo und Sabrina Essig entwarfen mit ihrem Projekt "neXus" einen Bus-innenraum speziell für Kultur- und Sprachreisen im Jahr 2020. Mit seinem Panoramaglasdach und dem ansteigenden Mittelgang bietet neXus jedem Passagier die gleiche Sichtfreiheit. Die insgesamt 24 Passagiersitze sind paarweise an einer drehbaren Mittelkonsole aufgehängt. So können sich die Sitzgruppen über den Mittelgang paarweise zueinander drehen. Die Passagiere können sich dadurch nicht nur mit ihren direkten Nebensitzern, sondern auch mit den dahinter Sitzenden und den Gangnachbarn unterhalten und austauschen. Dieses System soll einen kommunikativen und variablen Innenraum des Busses schaffen. Im hinteren Teil des Busses führt eine kleine Wendeltreppe zwei Stufen nach unten in einen Lounge-Bereich, in dem sich eine Sitzecke zum gemütlichen Beisammensein befindet. Während der Fahrt können die Passagiere über die multimedialen Funktionen der Mittelkonsole beispielsweise mehr über die Sprache oder die kulturellen Sehenswürdigkeiten des Landes erfahren, in das die Reise führt.

Alissa Steinmüller, Dennis Schneider und Daniel Moser stellten sich eine Zeit vor, in der Überbevölkerung und Verkehr zu einem urbanen und beengten Gefühl bei der Bevölkerung führen. Unter dem Namen "Cocoon" entwickelten sie daher ein Bus-Interior, das sowohl der Entspannung als auch der individuellen Entfaltung der Reisenden dienen soll: Die Bedienkonsole, der Bildschirm und Audio-Boxen eröffnen dem Cocoon-Passagier eine Welt von Entertainment und Kommunikation. Der integrierte Massagesitz bietet zudem Möglichkeit zur Entspannung.

Mit dem Konzept "EXO" gestalteten Gamze Cagritikin, Raic Riegsinger, Hagen Kober und Moritz Reck ein Bus-Interior, das sich speziell für das Reisen in unwegsamem Gelände eignet. Der Fahrerbereich ist bei EXO freitragend aufgehängt und schwenkt sich unabhängig von der Ausrichtung des Fahrzeuges immer in die horizontale Lage. Durch die niedrige Sitzposition wurde der Schwerpunkt der Sitze weit in Bodennähe verschoben, sodass EXO auch auf unebenem Boden allen Passagieren ausreichend Halt bietet. Besonders innovativ ist hier das Konzept der Sitze, deren Rückenlehnen abnehmbar und als Rucksack nutzbar sind. Angetrieben wird das Fahrzeug von sechs Radnaben-Motoren, von denen jeder auch einzeln angesteuert und von einer Brennstoffzelle, die im Bodenbereich eingebaut ist, versorgt werden kann.

"INPULS", das Innenraumkonzept für den Stadtbus der Zukunft, ist das Projekt von Pia Buck, Rebecca Sackmann und Rosi Weiße. Dieser Bus besteht aus koppelbaren Kabinen und fährt ohne Fahrer. Jede Kabine kann für einen schnellen Fahrgastwechsel die komplette Seitenwand öffnen. Dabei bilden muskelähnliche Fasern die Wandstruktur und gleichzeitig ein von überall erreichbares Haltesystem. Bis auf vier Notsitze verfügt das Fahrzeug lediglich über Stehplätze. Diese fahren auf Knopfdruck wie Airbags aus der Wand heraus.

Der "Tension Release Bus", kurz "TRB", wurde von Helena Sophie Wagner, Brian Hussmann und Fabian Dary gestaltet. Der zweistöckige Reisebus soll durch seine innovative Raumaufteilung und das Angebot unterschiedlicher Sitzbereiche auf dem Weg in den Urlaub, auf Städtereisen, Kurzreisen oder Erlebnisreisen Erholung vom Alltag bieten. Während der Reisende in der unteren Etage mit persönlicher Musikauswahl und verschiedenen Massagefunktionen im Sitz individuell entspannen kann, bietet die obere Etage mit Blick in die Natur ein großzügiges Raumgefühl.

"Der Ideenreichtum der Studenten und die Ergebnisse haben uns bei diesen Projektarbeiten wirklich beeindruckt", sagt Professorin Andrea Lipp. "Besonders wichtig war uns aber auch, dass die Studenten nicht nur gestalterisch, sondern auch bei der Teamarbeit gefordert werden. Teamfähigkeit ist für die Arbeit im Fahrzeuginterieur-Bereich eine wichtige Voraussetzung, und mit solchen Projekten möchten wir die Studenten so gut wie möglich auf die spätere Berufspraxis vorbereiten."

Quelle: Hochschule Reutlingen / IDW.

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
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