MMaterialNews vom 06.03.2012

Medizintechnik: Neuroimplantate aus Karbon

Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen: Neuronale Implantate könnten künftig einmal dazu beitragen, zerstörte Sinneszellen im Auge oder Ohr zu ersetzen und der Menschheit damit einen alten Traum erfüllen. Eine der größten Herausforderungen ist dabei die Gestaltung der Schnittstelle zwischen medizinischer Technik und menschlichem Gewebe.
In NeuroCare entwickeln Wissenschaftler aus dem Forschungszentrum Jülich und elf weiteren Instituten neuartige Bio-Interfaces aus Kohlenstoff, um die Grenzen bestehender Modelle zu überwinden. Das Projekt startet am 1. März 2012.

Bereits seit mehreren Jahren arbeiten Medizintechniker an Implantaten, um Schäden am Nervensystem nach einem Unfall oder Krankheit zu kompensieren. Im Mittelpunkt stehen Hilfsmittel, die grundlegende Wahrnehmungsfunktionen korrigieren wie den Verlust oder die Beeinträchtigung des Seh- oder Hörvermögens. Aber auch traumatische Verletzungen der Wirbelsäule, resistente Epilepsien, psychiatrische Störungen und chronische neurodegenerative Erkrankungen können auf diese Weise behandelt werden.

Die Technik steckt allerdings noch in den Anfängen. Vor allem die Verbindung von lebendem Gewebe und elektrischen Schaltkreisen bereitet bisher Probleme, mit wässrigen, flexiblen Zellstrukturen auf der einen und starren, festen Elektroden auf der anderen Seite. In NeuroCare kommen daher auf Kohlenstoff basierende Materialien zum Einsatz, die sich besser für den medizinischen Zweck anpassen lassen als die herkömmlicherweise verwendeten Metalle und Silizium.

„Wir konzentrieren uns darauf, neue Bio-Interfaces aus Kohlenstoff zu entwickeln, die noch besser vom lebenden Gewebe angenommen werden und an denen auch weniger Probleme mit Biofouling – also Verkeimen – auftreten“, berichtet Prof. Andreas Offenhäusser, Leiter des Bereichs Bioelektronik am Institute of Complex Systems (ICS-8) und Peter Grünberg Institut (PGI-8) des Forschungszentrums Jülich. Die Kohlenstoff-basierten Materialien lassen sich kostengünstig herstellen, sind biologisch inert, robust und besitzen eine breite Palette an elektronischen Eigenschaften, von metallähnlichen Leitern über Halbleiter bis hin zu Isolatoren.

Um einen optimalen Kontakt zum biologischen Gewebe herzustellen, werden die Forscher mit flexiblen Materialien experimentieren und verschiedene Oberflächenstrukturen im Nanometermaßstab testen. Innerhalb der nächsten drei Jahre sollen in dem vom französischen CEA koordinierten Projekt Prototypen für Netzhaut-, Kortex- und Cochlea-Implantate entstehen, die in den folgenden 10 Jahren bis zur Marktreife weiterentwickelt werden können.

Die Jülicher Forscher haben bereits Ende 2011, noch vor dem Start von NeuroCare, Implantatmaterialien aus Kohlenstoff erfolgreich eingesetzt. Zusammen mit Forschern aus München ließen sie Herzzellen auf einen bioverträglichen Chip aus Graphen wachsen. Das Material wird erst seit 2004 intensiv erforscht und besteht aus großflächigen, mattenartigen Molekülen aus reinem Kohlenstoff. „Wir konnten beobachten, dass sich die Herzzellen sehr gut auf dem Graphenchip entfalten und einen gesunden Pulsschlag entwickelten“, bestätigt die Jülicher Biologin Dr. Vanessa Maybeck. Im Vergleich mit Bauteilen aus Silizium zeigten die Graphen-Transistoren ein deutlich geringeres Grundrauschen.

Quelle: Forschungszentrum Jülich - 02.03.2012.

Weitere Informationen

Prof. Andreas Offenhäusser
Tel.: 02461 61-2330
a.offenhaeusser@fz-juelich.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Schließen Herzklappen nicht richtig, werden sie ersetzt. Versagen hingegen Venenklappen, behandeln Ärzte dies bislang ausschließlich medikamentös. Künftig soll ein Implantat die Funktion des beschädigten Ventils übernehmen. Mit einem neuartigen Dosierwerkzeug lassen sich die Prothesen automatisiert fertigen.
Sie ist eines der häufigsten Krankheitsbilder – die chronisch venöse Insuffizienz (CVI).Fast zehn Millionen Bundesbürger leiden an einer behandlungsbedürftigen Venen-schwäche, Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer. Ursächlich für die Volks-krankheit ist eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit der Beinvenenklappen. Schließt das Venenventil nicht mehr richtig, folgt das Blut der Schwerkraft und fließt – wenn das Herz nicht gerade pumpt – in die Beine, wo es sich staut. In... mehr
Biomedizinische Labore müssen sicher, ergonomisch und flexibel sein. Gleichzeitig sollen sie einen hohen Probendurchsatz ermöglichen und alle Arbeitsschritte zuverlässig dokumentieren. Fraunhofer-Forscher arbeiten deshalb am Labor der Zukunft, in dem die Probenbearbeitung vollautomatisch abläuft.
Wer heute beim Arzt eine Blutprobe abgibt, muss in der Regel ein paar Tage auf den Befund warten. Gerade wenn es um kritische Dinge geht wie eine mögliche HIV-Infektion, dann bedeutet das für den Betroffenen oft Warten in Ungewissheit. Dass eine Laboranalyse länger dauert, liegt nicht zuletzt an der aufwändigen Dokumentation. Über jede Probe muss akribisch Protokoll geführt werden. Patientendaten, Messergebnisse, Messverfahren, all das müssen Laboranten im Detail aufschreiben. Das kostet Zeit... mehr
Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus sieben europäischen Ländern erforschen Radiologen des Universitätsklinikums Jena die Anwendung von multifunktionellen magnetischen Nanopartikeln zur Detektion und Bekämpfung von Krebs.
Versehen mit speziellen Antikörpern sollen die Eisenoxidteilchen die Krebszellen erkennen und sich zielgerichtet an sie anlagern, so dass zum einen auch kleinste Absiedlungen im MRT sichtbar werden. Zum anderen sollen die Partikel durch äußere Magnetfelder für eine Überhitzung der Zellen sorgen und mit zusätzlichen Wirkstoffen ausgestattet werden. Das auf vier Jahre angelegte Projekt zur vorklinischen Forschung wird mit knapp 10 Millionen Euro von der EU gefördert. Die Nanotechnologie ermöglicht... mehr
Am 1. Februar 2012 startete von Mainz aus das weltweit agierende Netzwerk KOALA. Das von der EU geförderte Projekt wird die quer über den Erdball verstreute Forschung zu Wundheilung und Infektionsgefahren koordinieren. Die Federführung für das neu entstehende Netzwerk übernehmen Forscher am Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz.
Hauptziel ist es, wissenschaftliche Fortschritte in diesem Forschungsbereich auszutauschen, vergleichbar zu machen und einen einheitlichen Kenntnisstand zu erlangen. Renate Förch, Leiterin des Projektes am MPI-P und Initiatorin von KOALA erklärt: "Nachdem wir bereits mit europäischen Partnern arbeitsteilig forschen und unsere Ressourcen bündeln, ist es nun notwendig die Entwicklung weltweit zu vereinen und die Herausforderungen koordiniert anzugehen." Die EU fördert das Projekt in... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Automotive Testing
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Composites
Metallographie
Keramographie
Untersuchung von Diffusionsschichten
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Charakterisierung von Coatings
Korrosionstests
Bruchmechanik
Thermographie
Charakterisierung von Katalysatoren
Gefüge-Analytik
Element-Mapping
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Schadensanalyse von Produkten
Barriere-Eigenschaften
Charakterisierung von Fügetechnologien
Prüfung von Kunststoffen
Automotive Testing
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Composites
Metallographie
Keramographie
Untersuchung von Diffusionsschichten
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Charakterisierung von Coatings
Korrosionstests
Bruchmechanik
Thermographie
Charakterisierung von Katalysatoren
Gefüge-Analytik
Element-Mapping
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Schadensanalyse von Produkten
Barriere-Eigenschaften
Charakterisierung von Fügetechnologien
Prüfung von Kunststoffen
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Kenneth E. Gonsalves
Wiley & Sons
Iste Publishing Company

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Gewebe
Gewebe sind textile Flächengebilde wie z. B. Tuch, Samt, Velours, Plüsch und Frottee. Gewebe sind aus mindestens zwei rechtwinklig oder nahezu rechtwinklig verkreuzten Fadensystemen aufgebaut.
Graphen
Als Graphen bezeichnet man einzelne Kohlenstoffschichten, die die Wabenstruktur des Graphits zeigen. Sie sind aus monoatomar dünnen Schichten aus sp2-hybridisiertem Kohlenstoff aufgebaut.
Halbleiter
Halbleiter sind Festkörper (Elemente oder Verbindungen), die hinsichtlich ihrer elektrischen Leitfähigkeit sowohl als Leiter als auch als Nichtleiter betrachtet werden können. Die Zunahme der elektrischen Leitfähigkeit mit steigender Temperatur ist charakteristisch für Halbleitermaterialien.
Inert
Als chemisch inert bezeichnet man Stoffe, die unter den gegebenen Bedingungen mit den anwesenden potenziellen Reaktionspartnern nicht oder nur in einem verschwindend geringen Maße reagieren.