MMaterialNews vom 20.07.2012

Energie: Wenn Stromleitungen zu Segeln werden

Wer eine Hochspannungsleitung betrachtet, wird meist nicht vermuten, wie stark die Konstruktionen durch den Wind beansprucht werden. Wie die Auswirkungen des Windes auf die Stromtrassen sind, untersuchen derzeit Wissenschaftler der BAM Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Braunschweig in einem Forschungsvorhaben.
Die ersten Ergebnisse des jüngst gestarteten Forschungsprojekts – unter anderem durch Videos auf der BAM-Webseite dokumentiert – zeigen, wie spielend leicht eine mittlere Windgeschwindigkeit von 50 km/h die über zwei Tonnen schweren Stromleitungen bewegt.

„Die auf die Leitung wirkende Windbelastung muss natürlich von dem Mast getragen werden“, sagt der Projektleiter Milad Mehdianpour. „Bei höheren Windstärken können leicht Kräfte von über einer Tonne auftreten, und das pro Leiterseil. Meist haben wir sechs Leiterseile an einem Mast.“ Die Leitung wirkt dabei wie ein Segel, welches die Windkraft auf den Mast abgibt. Aus rund 20.000 Messwerten wurde eine Grafik erstellt, die beispielhaft die Windverteilung über den kurzen Zeitraum von einer Minute zeigt. „Der natürliche Wind kommt nie gleichmäßig; umso stärker er ist und umso unregelmäßiger das Gelände ist, desto größer sind die Schwankungen“, erklärt der Wissenschaftler.

Zur Berechnung von Bauwerken müssen die zu erwartenden extremen Windbelastungen für die Nutzungsdauer geschätzt werden. Die Ingenieure bezeichnen dies als Windlastannahme. Die Windlastannahmen gehen in der Regel vom so genannten 50-Jahres-Wind aus, einem Sturm, der statistisch betrachtet alle 50 Jahre vorkommt. Berücksichtigt wird dabei die in dem Sturm auftretende Spitzenböe zuzüglich einer Sicherheitsreserve. Für die Ingenieure ist es nicht immer einfach, die mögliche Bauwerksbelastung durch starke Winde realitätsnah vorauszuberechnen, da außer der Windgeschwindigkeit noch andere Effekte eine Rolle spielen. Denn, der Zusammenhang zwischen dem Wind und den resultierenden Bauwerksbelastungen ist in Wirklichkeit sehr komplex.

Das Forschungsprojekt MOSYTRAF* untersucht die Windeinwirkung auf Freileitungen durch eine weltweit einmalige Kombination aus Naturmessungen, Windkanalversuchen und Computerberechnungen. Für die Naturmessungen wurde ein etwa 800 Meter langes Teilstück einer Hochspannungsleitung in der Nähe von Rostock ausgesucht. Dort wurden zwölf Sensoren in die Abstandshalter zwischen die Leiterseile gehangen, sowie ein weiterer Sensor an einem Mast befestigt. Videokameras liefern regelmäßig Bilder aus der Mastperspektive. Ziel von MOSYTRAF ist es, allgemein gültige Bemessungsregeln für Windlasten auf die Leiterseile zu erarbeiten.

Aktuell kann sich der Freileitungsbau in der Praxis bezüglich Wind auf einen langjährigen Erfahrungsschatz stützen, der die Theorie ergänzt. Die BAM-Wissenschaftler möchten aber die Hintergründe genauer beleuchten. „Nur wenn wir die Grundlagen besser verstehen und die Zusammenhänge auch realitätsnah berechnen können, sind wir in der Lage, bei Bedarf an den richtigen Stellschrauben zu drehen“, sagt Milad Mehdianpour. Die MOSYTRAF-Messungen liefern hierfür die Grundlage, um sowohl die Zuverlässigkeit als auch die Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

In Deutschland sind derzeit viele bestehende Freileitungen 60 und mehr Jahre alt. Mittels der gewonnenen Erkenntnisse wird es möglich sein, die Sicherheit des Bestandsnetzes realitätsnäher abschätzen zu können und gegebenenfalls trotz des Bestandschutzes besonders kritische Abschnitte sinnvoll zu sanieren. Aber auch für den Netzausbau sind die gewonnenen Erkenntnisse hilfreich.

Das Forschungsvorhaben wird von den Übertragungsnetzbetreibern TenneT TSO GmbH, E.ON Netz GmbH und 50 Hertz Transmission GmbH finanziert. Forschungspartner der BAM ist das Institut für Stahlbau der Technischen Universität Braunschweig, an dem unter anderem die Windkanaluntersuchungen an den Leiterseilen durchgeführt werden. Das Projekt läuft zunächst bis September 2013.

Quelle: Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) - 19.07.2012.

*MOSYTRAF steht für „Monitoringsystem zur Tragverhaltensstudie von Freileitungen unter Böenbeanspruchung“

Weitere Informationen unter:

www.mosytraf.bam.de

Weitere Informationen

Dr.-Ing. Milad Mehdianpour
Abteilung 7 Bauwerkssicherheit
E-Mail: milad.mehdianpour@bam.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Das KIT intensiviert die Forschung an druckbaren organischen Solarzellen: In diesem Monat nimmt eine Forschergruppe um Dr. Alexander Colsmann vom Lichttechnischen Institut (LTI) ihre Arbeit auf. Ziel des auf vier Jahre angelegten Projekts ist, den Wirkungsgrad organischer Solarzellen auf deutlich über zehn Prozent zu steigern.
Dazu verwenden die Forscher Tandem-Architekturen, die Solarzellen unterschiedlicher Absorptionsspektren miteinander kombinieren. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Forschergruppe mit 4,25 Millionen Euro. Leicht, flexibel, wahlweise semi-transparent und kostengünstig herzustellen – das sind die Vorteile einer neuen Generation von Solarzellen: Organische Solarzellen (Plastik-Solarzellen) lassen sich durch einfache Druck- und Beschichtungsprozesse auf fast beliebig geformten... mehr
Photovoltaik-Module liefern Strom ohne Risiken und Nebenwirkungen für Umwelt und Klima. Doch der Sonnenstrom ist teuer. Die Module müssen daher möglichst lange halten. Amerikanische Fraunhofer-Forscher suchen jetzt nach Materialien, die Solarzellen vor zerstörerischen Umwelteinflüssen schützen.
Manchmal entscheiden wenige Cents über Erfolg oder Misserfolg einer Technologie. Solange beispielsweise Solarstrom teurer ist als Energie, die aus fossilen Rohstoffen gewonnen wird, ist sie auf dem freien Markt nicht konkurrenzfähig. »Die Stromgewinnung aus Sonnenenergie ist immer noch auf Subventionen angewiesen – das ist in den USA nicht anders als in Deutschland«, erklärt Christian Hoepfner, Wissenschaftlicher Direktor des Fraunhofer Center for Sustainable Energy Systems CSE in Cambridge... mehr
Ob Elektroauto oder E-Bike, entscheidend für den Fahrspaß ist der Akku. Marktführer sind derzeit Lithium-Ionen-Akkus. LMU-Wissenschaftler haben eine Nanostruktur aus Lithium-Titan entwickelt, die den heutigen Energiespeichern überlegen ist.
Einen guten Akku kennzeichnen vor allem vier Faktoren: Er soll eine hohe Energiedichte besitzen und somit bei geringem Gewicht und Größe viel Energie bereitstellen. Hinzu kommen eine möglichst hohe Leistung und eine schnelle Ladegeschwindigkeit des Akkus. Im Interesse des Nutzers liegt zudem die Stabilität des Energiespeichers, der auch nach 1000 Ladevorgängen noch funktionieren soll. Für die Ladegeschwindigkeit bei hoher Stabilität haben die LMU-Forscher Professor Thomas Bein, Dr. Dina... mehr
Biogasanlagen, Blockheizkraftwerke und Co. erzeugen nicht nur Strom, sondern auch Wärme. Doch diese verpufft im Gegensatz zum Strom meist ungenutzt. Eine neue Technologie soll dies künftig ändern: Sie ermöglicht es, die Wärme auf kleinstem Raum und über längere Zeiträume hinweg verlustfrei zu speichern und bei Bedarf zu nutzen.
Strom aus Biogas zu erzeugen, liegt im Trend. Noch effektiver wäre es allerdings, wenn man auch die dabei entstehende Wärme besser verwenden könnte. Denn etwa die Hälfte der im Brennstoff enthaltenen Energie wird als Wärme freigesetzt, die meist ungenutzt verpufft. Auch in Blockheizkraftwerken und vielen Industrieanlagen gehen große Mengen verloren. Das Problem: Die Wärme wird meist nicht zu dem Zeitpunkt gebraucht, an dem sie entsteht. Sie zu speichern, ist nur bedingt möglich. Bislang nutzt... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Keramographie
Barriere-Eigenschaften
Charakterisierung von Composites
Charakterisierung von Fügetechnologien
Medizintechnische Untersuchungen
Korrosionstests
Bruchmechanik
Prüfung von Kunststoffen
Thermographie
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Charakterisierung von Katalysatoren
Metallographie
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Schadensanalyse von Produkten
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Coatings
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Element-Mapping
Automotive Testing
Keramographie
Barriere-Eigenschaften
Charakterisierung von Composites
Charakterisierung von Fügetechnologien
Medizintechnische Untersuchungen
Korrosionstests
Bruchmechanik
Prüfung von Kunststoffen
Thermographie
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Charakterisierung von Katalysatoren
Metallographie
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Schadensanalyse von Produkten
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Coatings
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Element-Mapping
Automotive Testing
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Dongliang Jiang, Yuping Zeng, Mrityunjay Singh, Juergen Heinrich
John Wiley & Sons
Duncan W. Bruce, Richard I. Walton, Dermot O'Hare
John Wiley & Sons
Gawdat Bahgat
John Wiley & Sons

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Sensor
Sensoren sind Systeme, die auf physikalische oder chemische Signale reagieren, diese erfassen und in ein elektrisches Signal umwandeln, das beispielsweise zur qualitativen oder quantitativen Auswertung herangezogen werden kann.