MMaterialNews vom 06.07.2011

Biokunststoffe: Die Milch hängt im Kleiderschrank

Ein zur Bio-Faser versponnenes Molkerei-Abfallprodukt hängt demnächst als Bluse oder T-Shirt im Kleiderschrank. Textilien aus Milchprotein-Fasern halten das Altern der Haut auf, sind Allergiker-geeignet, ein Drittel billiger als Acryl und werden noch dazu ohne jegliche Chemie erzeugt.
Diese mit dem Innovationspreis textil + mode 2011 ausgezeichnete Neuheit entstand in rund zweijähriger Forschungsarbeit mit Unterstützung des Bremer Faserinstituts FIBRE im Hannoveraner Unternehmen QMilch.

Die von der 28-jährigen Diplom-Biologin Anke Domaske gegründete Firma plant für 2012 die Großproduktion des neuen Textil-Rohstoffs; in den kommenden fünf Jahren sollen davon 560 Tonnen produziert werden. Bei seiner Herstellung nach dem Global Organic Textile (GOT)-Standard werden im Gegensatz zum herkömmlichen Nassspinnverfahren erhebliche Ressourcen an Energie, Wasser, Zeit und Personal eingespart. Der Faser-Ausgangsstoff Casein fällt als Nebenprodukt der Milchindustrie in ausreichender Menge an. Für technische Zwecke wird er aus Milch gewonnen, die nicht für Lebensmittel verwendet werden darf und andernfalls ungenutzt vernichtet würde.

Automotive bereits interessiert

„Unser Ziel und Ausgangspunkt war es, das Leiden von Allergikern zu mindern, die verzweifelt nach Kleidung und Textilien aus chemisch nicht belasteten Fasern suchen“, berichtet die Absolventin der Göttinger Georg-August-Universität. Derzeit wird die Faser von ersten Kunden getestet. Wie Domaske informierte, gebe es bereits Interessenten über die Bekleidungsindustrie hinaus, zum Beispiel aus dem Automotive-Bereich. Aufgrund der antibakteriellen Eigenschaften der Faser kann sich QMilch auch Anwendungen in Medizin, Biologie, Kosmetik sowie in der Membrantechnik vorstellen.

Textilien aus der neuartigen Faser besitzen einen hohen Tragekomfort und seidigen Griff. Gegenüber Baumwolle und Seide sind sie extrem farb- und formbeständig, leicht zu trocknen und außerordentlich reißfest. Dabei müsse der Stoff Domaske zufolge nicht vollständig aus der Milchfaser bestehen, ein Anteil von rund 20 Prozent reiche aus, um deren positive Eigenschaften zu erhalten. Zu den derzeit sechs Mitarbeitern sollen weitere elf hinzukommen. Dr. Klaus Jansen, dessen Textilforschungskuratorium die Zukunftsprojekte an den 16 deutschen Textilforschungsinstituten koordiniert, reagiert anerkennend: „Die deutsche Textilforschung ist mit über 1.100 Wissenschaftlern und Forschern gut aufgestellt, zumal der kreative Nachwuchs oft schon während des Studiums von unseren Instituten mit praxisbezogenen Themen herausgefordert wird.“

Quelle: QMilch / InnoMedia – 05.07.2011.

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
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