MMaterialNews vom 16.03.2012

Maßgeschneiderte optische Materialien aus DNA: Nanopartikel modifizieren Licht

Im menschlichen Körper trägt ein Doppelstrang aus Desoxyribonukleinsäure-Bausteinen, die sogenannte DNA, die Erbinformation. Aus künstlichen DNA-Molekülen hat nun ein von Wissenschaftlern des Exzellenzclusters Nanosystems Initiative Munich geleitetes internationales Team nanostrukturierte Materialien hergestellt, mit denen sie maßgeschneidert sichtbares Licht modifizieren können. Ihre Ergebnisse präsentieren die Forscher in der aktuellen Ausgabe des renommierten Fachmagazins „Nature“.
Als vor einigen Jahren die Technik des DNA-Origami entdeckt wurde, war die Begeisterung groß. Mit dieser Technik konnten die Wissenschaftler gezielt Nanoteilchen mit definierter Form und Größe bauen. Doch echte Anwendungsmöglichkeiten, wie etwas Nanopinzetten, schienen bisher in weiter Ferne zu liegen. Einem internationalen Team unter der Führung von Professor Tim Liedl, Ludwig-Maximilians-Universität München und Professor Friedrich Simmel, Technische Universität München, gelang es nun, aus DNA-Bausteinen optisch aktive Nanoteilchen zu bauen, die für die gezielte Modifikation von Licht genutzt werden könnten.

Die Kopplung von Licht und Nanostrukturen könnte helfen, optische Sensoren für Medizin und Umwelttechnik um ein Vielfaches kleiner und empfindlicher zu machen. Doch, im Vergleich zu den nur wenige Nanometer großen Nanostrukturen, ist eine Lichtwelle mit ihrer Wellenlänge zwischen 400 und 800 Nanometern geradezu riesig. Wirken kleinste Strukturen aber in einer ganz bestimmten Art und Weise zusammen, können theoretisch auch kleine Objekte sehr gut mit Licht in Wechselwirkung treten. Mit herkömmlichen Methoden war es aber nicht möglich, solche dreidimensionalen Strukturen mit Nanometer-Präzision in genügender Menge und Reinheit herzustellen.

„Mit dem DNA-Origami haben wir nun eine Methode gefunden, die alle diese Anforderungen erfüllt. Sie erlaubt es uns, die dreidimensionale Form des entstehenden Objekts auf den Nanometer genau vorherzubestimmen“, sagt Professor Friedrich Simmel, Inhaber des Lehrstuhls für Biomolekulare Systeme und Bionanotechnologie an der TU München. „Allein programmiert durch die Abfolge der Grundbausteine, falten sie sich die Nanobausteine von alleine zu den gewünschten Strukturen.“ Dem Team um Friedrich Simmel gelang es, Nano-Wendeltreppen mit einer Stockwerkshöhe von 57 Nanometern und einen Durchmesser von 34 Nanometern herzustellen, an die in regelmäßigen Abständen Goldpartikel mit einem Durchmesser von zehn Nanometern angehängt sind.

An der Oberfläche der Goldpartikel reagieren die Elektronen mit dem elektromagnetischen Feld des Lichts. Der geringe Abstand der Partikel sorgt dabei dafür, dass die Goldpartikel eines DNA-Strangs zusammenwirken und die Wechselwirkungen um ein Vielfaches verstärken. Professor Alexander O. Govorov, theoretischer Physiker an der Ohio University in Athens, USA, hatte vorausgesagt, dass der Effekt von Abstand, Größe und Beschaffenheit der Metallpartikel abhängen sollte. Mit Hilfe der DNA-Origami-Methode bauten die Münchener Physiker daher Nanostrukturen auf, bei denen sie diese Parameter variierten.

Die Ergebnisse dieser Experimenten bestätigten die Voraussagen ihrer Kollegen voll und ganz: Wässrige Lösungen von Nano-Wendeltreppen mit Rechts- und mit Linksgewinde unterscheiden sich sichtbar in ihrer Wechselwirkung mit zirkular polarisiertem Licht. Wendeltreppen mit größeren Partikeln zeigen eine deutlich stärkere optische Antwort als solche mit kleineren. Großen Einfluss hat auch die chemische Zusammensetzung der Partikel: Überzogen die Physiker die Goldpartikel mit einer zusätzlichen Silberschicht, so verschob sich die optische Resonanz vom roten in den kurzwelligeren blauen Bereich.

Im Zusammenspiel zwischen den theoretischen Berechnungen und den Möglichkeiten des DNA-Origami sind die Wissenschaftler nunmehr in der Lage nano-optische Materialien mit genau spezifizierbaren Eigenschaften herzustellen. Wohin ihre Forschung in Zukunft führen könnte, erklärt Professor Tim Liedl: „Wir werden jetzt untersuchen, ob wir mit dieser Methode auch den Brechungsindex der von uns hergestellten Materialien beeinflussen können. Materialien mit negativem Brechungsindex könnten zum Beispiel für die Entwicklung neuartiger optischer Linsensysteme, sogenannter Superlinsen, genutzt werden.“

Die Arbeiten wurden gefördert aus Mitteln der Volkswagen Stiftung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Exzellenzcluster Nanosystems Initiative Munich, NIM) und der National Science Foundation (NSF, USA).

Quelle: Technische Universität München - 14.03.2012.

Publikation:

DNA-based Self-Assembly of Chiral Plasmonic Nanostructures with Tailored Optical Response. Anton Kuzyk, Robert Schreiber, Zhiyuan Fan, Günther Pardatscher, Eva-Maria Roller, Alexander Högele, Friedrich C. Simmel, Alexander O. Govorov und Tim Liedl.
Nature, Vol. 482, 7389, pp 311-314 DOI: 10.1038/nature10889

Weitere Informationen

Prof. Dr. Friedrich C. Simmel
Biomolekulare Systeme u. Bionanotechnologie
Technische Universität München
Am Coulombwall 4a
85748 Garching, Germany
Tel.: +49 89 289 11611
Fax: +49 89 289 11612
E-Mail: simmel@tum.de

Prof. Dr. Tim Liedl
Department für Physik - Lehrstuhl Rädler
Ludwig-Maximilians-Universität
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München, Germany
Tel: +49 89 2180 3725
Fax: +49 89 2180 3182
E-Mail: tim.liedl@physik.lmu.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Winzige Bauelemente, die einzelne Lichtteilchen abgeben können, sind für verschiedene technische Neuerungen wichtig. Bei der Herstellung solcher Strukturen ist Physikern von den Universitäten Würzburg, Stuttgart und Ulm ein entscheidender Fortschritt gelungen.
Warum strebt die Forschung nach Lichtquellen, die einzelne Lichtteilchen abgeben können? „Solche Quellen sind eine Grundvoraussetzung für neue Technologien zur Datenverschlüsselung“, erklärt Professor Jens Pflaum vom Physikalischen Institut der Uni Würzburg. Entsprechend ausgestattete Bauteile würden es möglich machen, dass sich Daten bei ihrer Übertragung nicht mehr unbemerkt „fischen“ lassen. Zum Beispiel könnten dadurch Online-Bezahlsysteme noch sicherer werden – weil eine Manipulation... mehr
Lichtgeschalteter Mikro-Roboterarm führt Beuge- und Streckbewegungen aus
Mikroroboter und Nanomaschinen sind keine reine Utopie mehr: Die Miniaturisierung schreitet voran. Dazu werden winzige Bauteile benötigt, die als Antwort auf einen Reiz kontrollierte Bewegungen vollführen können. Piezoelektrische Kristalle können eine Beugebewegung machen, wenn ein elektrisches Feld angelegt wird. Die nötige Verkabelung steht einer Anwendung im Mikromaßstab oder in einer Flüssigkeit aber entgegen. Ein Forscherteam um Masahiro Irie von der Rikkyo University (Tokio) stellt in... mehr
Was man sonst mit komplizierten Meta-Materialien zu erreichen versucht, gelang an der Technischen Universität (TU) Wien nun mit ganz gewöhnlichen Metallen: Eine negative Brechzahl lässt Lichtstrahlen „falsch herum“ abbiegen.
Man muss nur einen geraden Stab ins Wasser halten, um den Effekt zu sehen: An der Grenzfläche zwischen Wasser und Luft ändert das Licht seine Richtung, der Stab sieht aus, als wäre er an der Wasseroberfläche geknickt. Wie stark geknickt der Stab erscheint, wird durch die Brechungszahl (oder Brechungsindex) beschrieben. Seit Jahren versucht man, spezielle Materialien mit negativer Brechungszahl herzustellen - sie verhalten sich optisch ganz anders, als wir das gewohnt sind. An der TU Wien wurde... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Element-Mapping
Bruchmechanik
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Thermographie
Keramographie
Automotive Testing
Schadensanalyse von Produkten
Prüfung von Kunststoffen
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Coatings
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Fügetechnologien
Barriere-Eigenschaften
Charakterisierung von Composites
Korrosionstests
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Metallographie
Schadensanalyse von Bauteilen
Medizintechnische Untersuchungen
Element-Mapping
Bruchmechanik
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Thermographie
Keramographie
Automotive Testing
Schadensanalyse von Produkten
Prüfung von Kunststoffen
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Coatings
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Fügetechnologien
Barriere-Eigenschaften
Charakterisierung von Composites
Korrosionstests
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Metallographie
Schadensanalyse von Bauteilen
Medizintechnische Untersuchungen
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Challa S. S. R. Kumar (Hrsg.)
Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA
John Wiley & Sons

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Brechungsindex
Der Brechungsindex charakterisiert die Richtungsänderung und das Reflexionsverhalten von elektromagnetischen Wellen, wenn diese auf eine Grenzfläche zweier Medien treffen.
DNA
DNA ist die Abkürzung für die Desoxyribonukleinsäure. Sie ist ein in allen tierischen und pflanzlichen Lebewesen und DNA-Viren vorkommendes Biomolekül und die Trägerin der Erbinformation.
Elektronen
Elektronen sind elektrisch negativ geladene Elementarteilchen, sie werden mit dem Symbol e- abgekürzt. Elektronen halten sich in der Atomhülle auf und bestimmen das chemische Verhalten der jeweiligen Atome.
Nanometer
Ein Nanometer entspricht dem milliardsten Teil eines Meters (10-9 m = 1nm) – diese Dimension ist ungefähr 70.000 mal dünner als ein menschliches Haar.
Nanopartikel
Unter einem Nanopartikel versteht man den Verbund von einigen wenigen bis mehreren tausend Atomen oder Molekülen. Der Begriff bezieht sich auf die Größe der resultierenden Teilchen, die typischerweise zwischen 1 und 100 Nanometern liegt.
Nanoteilchen
Als Nanoteilchen wird ein Teilchenverbund von wenigen bis hin zu mehreren tausend Atomen oder Molekülen bezeichnet. Nanoteilchen haben typischerweise eine Größe zwischen einem und 100 Nanometern.
Oberfläche
Unter einer Oberfläche versteht man die Fläche zwischen einer festen und einer gasförmigen Phase.
PP
PP ist die Kurzform für den thermoplastischen Kunststoff Polypropylen, der zur Gruppe der Polyolefine gehört. Polypropylen wird durch Polymerisation von Propen mit Hilfe von Katalysatoren gewonnen.
Partikel
Als Partikel werden kleine Festkörperteilchen bezeichnet. Partikel sind typischerweise die festen Bestandteile von dispersen Systemen wie Aerosolen und Suspensionen.
Wellenlänge
Als Wellenlänge bezeichnet man den kleinsten Abstand zweier Punkte gleicher Phase einer Welle.