MMaterialNews vom 31.08.2010

Bessere Haltbarkeit künstlicher Hüftgelenke

Neue Methode zur experimentellen Verschleißbestimmung entwickelt / Heidelberger Biomechaniker erhält Wissenschaftspreis der Deutschen Arthrose Stiftung
Auch minimaler Verschleiß, wie er zwischen zwei Metalloberflächen eines künstlichen Hüftgelenkes entsteht, kann nun mit einer neuen Testmethode hochpräzise bestimmt werden. Der Abrieb der metallischen, künstlichen Gelenke wird im Bewegungssimulator gemessen, indem die künstliche Gelenkflüssigkeit mit einem hochauflösenden Massenspektrometer analysiert wird. Diese exakte und mit den Verhältnissen am Patienten vergleichbare Methode könnte dazu beitragen, in Zukunft vielleicht sogar lebenslang haltbare Prothesen zu entwickeln. Für seine Doktorarbeit zu diesem Thema erhielt Dr. Jan Philippe Kretzer, Leiter des Labors für Biomechanik an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, am 16. Juni den mit 5.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis der Deutschen Arthrose Stiftung 2009.

In Deutschland erhalten etwa 180.000 Patienten jährlich ein neues Hüftgelenk. Nach durchschnittlich 15 bis 20 Jahren muss die Prothese wegen Lockerung und Verschleiß ausgetauscht werden. Eine solche Austauschoperation ist aufwändig und kann mit Komplikationen verbunden sein. Gerade jüngere und junggebliebene, aktive Patienten haben großes Interesse an einem langlebigen Kunstgelenk.

Mit der Medizintechnik den Grundstein für verbesserte Therapien legen

Nachdem sich Kretzer zunächst mit modernen Diagnoseverfahren bei Hirnerkrankungen beschäftigt hatte, übernahm er 2004 als Diplomingenieur für Medizintechnik die Leitung des Labors für Biomechanik und Implantatforschung an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg. Hier befasst er sich primär mit dem Verschleiß künstlicher Hüft- und Kniegelenke. Gleiten zwei Metallflächen aufeinander, lösen sich selbst bei nur minimalem Abrieb kleinste Metallpartikel und Ionen aus dem Prothesenmaterial. Die Konzentrationen sind so gering, dass sie nur mit einem hochauflösenden Massenspektrometer (HR-ICP-MS) genau bestimmt werden können. „Mit dem von uns entwickelten Messverfahren können wir neue Erkenntnisse über das Verschleißverhalten von Implantatwerkstoffen gewinnen, die die Entwicklung innovativer, länger haltbarer Gelenkersatzmaterialien ermöglichen“, erklärt der Biomechaniker die Bedeutung der neuen Methode.

Messverfahren zeigt hohe Übereinstimmung mit realen Verhältnissen am Patienten

Kretzer entwickelte ein Simulationssystem, das die Belastungen eines künstlichen Hüftgelenkes im 24 Stunden Betrieb realitätsgetreu nachahmt. In der Flüssigkeit, die die Gleitflächen umspült, werden sowohl die kleinen Abriebpartikel, als auch die löslichen Metallionen aufgefangen und analysiert. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf verschiedene Verschleißphänomene und herstellungsbedingte Effekte zu, die den Verschleiß beeinflussen. Das Verfahren weist den tatsächlichen Verschleiß sehr präzise nach und zeigt eine hohe Übereinstimmung mit klinischen Studien am Patienten. „Damit ist es konventionellen Methoden zur Verschleißbestimmung deutlich überlegen“, sagt Kretzer. Der Wissenschaftler zeigte in seinen Versuchen unter anderem, dass der Hauptanteil des Abriebs in den ersten sechs Monaten nach der Operation entsteht. Nach dieser sogenannten Einlaufphase fällt der Abrieb auf minimale Werte ab. Dort muss also angesetzt werden, wenn die Lebensdauer der Metallgleitpaarung verlängert werden soll.

Wissenschaftspreis der Deutschen Arthrose Stiftung

Der Wissenschaftspreis wird vor allem Nachwuchswissenschaftlern für herausragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Arthroseforschung und -therapie verliehen. Für 2009 ermittelte die Jury den Gewinner aus insgesamt 12 eingereichten Doktorarbeiten. Arthrose ist nach wie vor nicht heilbar, denn einmal zerstörter Gelenkknorpel wächst nicht wieder nach. Sie ist der häufigste Grund dafür, dass Patienten ein künstliches Gelenk eingesetzt bekommen. Für viele Betroffene bedeutet Arthrose ein Leben mit zermürbenden Schmerzen und starker Bewegungseinschränkung, was vom Verlust an Lebensqualität bis hin zum Arbeitsplatzverlust führen kann. Das Ziel der Deutschen Arthrose Stiftung ist es diese Erkrankung zu bekämpfen.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg / IDW - 30.08.2010.

Weitere Informationen

Dr. sc. hum. Dipl.-Ing. Jan Philippe Kretzer
Labor für Biomechanik
Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Schlierbacher Landstraße 200a
69118 Heidelberg
Tel.: 06221 / 96 92 09
Fax: 06221 / 96 92 06
E-Mail: philippe.kretzer@med.uni-heidelberg.de

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Wenn das Hüftgelenk verschlissen ist, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursacht, ist oftmals ein künstlicher Gelenkersatz der letzte Ausweg.
Doch der Eingriff verläuft nicht immer problemlos: Selbst ein hochwertiges Implantat und eine plangemäß durchgeführte Operation garantieren nicht, dass das neue Gelenk richtig mit dem Knochen zusammenwächst. Dabei lässt sich das Einwachsen der Prothese mit den gängigen Diagnosemethoden (z. B. Röntgen) nur ungenau überwachen. Eine Hüftprothese, die mitdenkt Hier setzt ein neuer Forschungsverbund an: Unter dem Projektnamen INHUEPRO - Intelligente Hüftprothese entwickeln verschiedene... mehr
Mainzer Polymerforscher entwickeln keimfreie Materialien für Prothesen, die das Entzündungsrisiko nach Operationen reduzieren sollen.
Die Entzündung eines frisch eingesetzten Implantats, zum Beispiel der Hüfte oder eines Zahns, und die damit verbundenen Schmerzen sind bei Betroffenen häufig gefürchtet. Besteht die Prothese jedoch aus einem Material, das wenig anfällig für Bakterien ist, oder das sogar so konstruiert ist, dass es gezielt Keime abwehren kann, wird das Entzündungsrisiko deutlich vermindert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung erforschen derzeit genau solche... mehr
+ + + Gute Ergebnisse für mehrteilige Implantate aus Titan im Labor + + + Heidelberger Wissenschaftler der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg ausgezeichnet + + +
Künstliche Hüftgelenke werden immer sicherer: Moderne mehrteilige Hüftimplantate aus Titan geben nur winzige Mengen des Metalls in das umliegende Gewebe ab und sind deshalb voraussichtlich besonders haltbar. Dies haben Labortests von Wissenschaftlern der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg gezeigt. Für seinen Beitrag: "Korrosion und Ionenfreisetzung bei Hüftimplantaten mit modularem Halssystem" wurde Dr. Jan Philippe Kretzer, Technischer Leiter des Labors für Biomechanik... mehr
Schrauben verankern künstliche Hüftgelenke fest am geschädigten Knochen des Patienten. Doch an welchen Stellen des Knochens finden die Schrauben sicheren Halt? Ein Simulationsmodell soll die Festigkeit der Knochen aus Computertomographie-Aufnahmen berechnen.
Hüftprothesen halten nicht ewig: Lockert sich das Implantat, müssen die Ärzte die Prothesen erneuern. Bei den meisten Patienten ist diese zweite Operation nach etwa 15 Jahren nötig. Durch die erste Prothese können die Beckenknochen an einigen Stellen abgenutzt sein. Zudem ändert sich mit zunehmendem Alter die Dichte der Knochen und damit ihre Festigkeit. Mediziner stehen daher vor der Frage, wo sie die Schrauben am besten setzen, die das künstliche Gelenk mit den Knochen verbinden. Und wie... mehr
Doktoranden des Imperial College London haben mit dem so genannten Wayfinder einen Chirurgie-Roboter entwickelt, der Hüftoperationen so einfach machen soll, dass sie sogar Studenten durchführen können.
Normalerweise gelten Eingriffe, bei denen der Gelenkskopf mit einer Chromlegierung erneuert wird, als sehr schwierig und erfordern eine jahrelange Erfahrung. Untrainierte Studenten, die den Roboter für virtuelle Operationen eingesetzt haben, erreichten eine hohe Genauigkeit. Derzeit werden laut BBC an vier britischen Krankenhäusern Tests durchgeführt. Jährlich werden allein in Großbritannien bis zu 5.000 derartiger Hüftoperationen von Chirurgen durchgeführt. Normalerweise durchlaufen unerfahrene... mehr
Lesen Sie auch:
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Barriere-Eigenschaften
Thermographie
Korrosionstests
Charakterisierung von Katalysatoren
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Schadensanalyse von Bauteilen
Metallographie
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Coatings
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Kunststoffen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Bruchmechanik
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Composites
Automotive Testing
Schadensanalyse von Produkten
Element-Mapping
Keramographie
Gefüge-Analytik
Barriere-Eigenschaften
Thermographie
Korrosionstests
Charakterisierung von Katalysatoren
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Schadensanalyse von Bauteilen
Metallographie
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Coatings
Medizintechnische Untersuchungen
Prüfung von Kunststoffen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Bruchmechanik
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Composites
Automotive Testing
Schadensanalyse von Produkten
Element-Mapping
Keramographie
Gefüge-Analytik
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Ionen
Als Ionen bezeichnet man elektrisch geladene Atome oder Moleküle. Positiv geladene Ionen werden Kationen genannt, sie haben einen Elektronenmangel. Negativ geladene Ionen werden Anionen genannt, sie haben einen Elektronenüberschuss.
Verschleiß
Als Verschleiß - umgangssprachlich auch Abnutzung genannt - wird der eintretende Masseverlust einer Materialoberfläche bezeichnet, der durch schleifende, rollende, schlagende, kratzende, chemische oder thermische Beanspruchungen erfolgt.