MMaterialNews vom 21.03.2006

Wasser desinfizieren mit Licht

Halbleiterdioden könnten Quecksilberdampflampen ersetzen.
Ultraviolettes Licht kann tödlich sein. Das Bombardement der kurzwelligen und energiereichen Strahlung ruft nicht nur gefährlichen Sonnenbrand hervor und lässt Hautzellen zu Tumoren entarten, sondern es tötet auch unerwünschte Krankheitserreger ab. Daher nutzen Mediziner und Wissenschaftler seit langem Quecksilberdampflampen, die UV-Licht abstrahlen, um Geräte und Wasser keimfrei zu machen. Nur: Quecksilber ist hochgiftig, und solche Lampen haben eine Lebensdauer, die in etwa der einer herkömmlichen Glühbirne entspricht: einige Tausend Stunden. Leuchtdioden dagegen sind vom Material her unschädlich und halten zehn- bis hunderttausend Stunden durch. Außerdem sind sie viel kompakter als die Quecksilberdampflampen. Michael Kneissl, seit wenigen Monaten am Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik, arbeitet an solchen Dioden aus Halbleiterkristallen. Zugleich erforscht er als Professor an der Technischen Universität Berlin die Grundlagen dieser Lichtquellen.

Blaue Leuchtdioden galten bis vor rund zehn Jahren als Ding der Unmöglichkeit. Es gelang den Forschern und Ingenieuren einfach nicht, entsprechende Halbleiterkristalle herzustellen. Die Forschung daran wurde mit Hochdruck betrieben, denn wer blaues Licht aus Dioden erzeugen konnte, der hatte den Schlüssel zum blauen Laser und zu weißem Licht aus Dioden. Beides ist enorm gewinnträchtig. Diodenlampen (Stichwort: „solid-state lighting“) werden auf lange Sicht wohl die herkömmlichen Glasbirnen mit den Wolframdrähten ersetzen, denn die Glühlampen verwandeln nur einen Bruchteil der Energie in Licht, der Rest geht als Hitze verloren.

Der Weltmarkt für Leuchtdioden insgesamt wird für Ende 2007 auf acht Milliarden USDollar geschätzt, das wirtschaftliche Potenzial der blauen Laser auf 1,4 Milliarden. Die Laser beruhen auf dem selben Prinzip wie Leuchtdioden, nur dass die Lichtstrahlen beim Laser alle in eine Richtung gehen. Mit blauem Laserlicht lassen sich weitaus kleinere Strukturen auf lichtempfindlichem Material schreiben als mit dem langwelligeren roten oder infraroten Licht – DVDs und weitere Datenträger können viel dichter als bisher beschrieben werden.

Und dann gibt es das „noch blauere“ Licht: die UV-Strahlen, die Wasser desinfizieren. „Schon jetzt sind kompakte und robuste Reinigungsgeräte realisierbar, die bei einer Leistungsaufnahme von 10 Watt drei bis vier Liter Wasser pro Sekunde desinfizieren“, sagt Kneissl. Er beschreibt eine mögliche Anordnung: Hundert Leuchtdioden, die jeweils mit 0,1 Watt strahlen, könnten ringförmig um ein durchsichtiges Stück Wasserleitung angeordnet werden. Öffnet nun jemand den Hahn, so schalten sich automatisch die Dioden an und bestrahlen mit ihrem UV-Licht das durchströmende Wasser. Es kommt keimfrei aus der Leitung. „Denken Sie an Züge oder Flugzeuge“, sagt Kneissl. „Oder an Länder in heißen Regionen mit schlechter Wasseraufbereitung. Oder an wissenschaftliche Labore und Krankenhäuser, die Reinstwasser brauchen. Ein enormes Marktpotenzial!“

Ermöglicht hat all das der Durchbruch von japanischen Wissenschaftlern. Ihnen war es gelungen, Galliumnitrid (GaN) so abzuscheiden und gezielt zu „verunreinigen“ (dotieren), dass es blaues Licht aussendet. GaN zählt heute, neben dem allgegenwärtigen Silizium, zu einem der wichtigsten Halbleitermaterialien in der Elektronikindustrie.

Bis es soweit war, mussten erst geeignete Substrate und Verarbeitungsmöglichkeiten für GaN gefunden werden. All das ist kein Problem mehr: „Sie können heute schon weiße und blaue Leuchtdioden kaufen“, sagt Kneissl. Jetzt geht es darum, die Grenzen weiter zu verschieben in Richtung noch kurzwelligerer Strahlung. Von Blau zu Ultraviolett eben.

Wo liegen die Schwierigkeiten? „Zum einen in der richtigen Dotierung der Halbleiter, zum anderen im Wachstum“, sagt Kneissl. Die Kristalle für Laser und Dioden entstehen in einem Verfahren, das Experten als „Metallorganische Gasphasenepitaxie“ bezeichnen, kurz MOVPE (Metalorganic Vapor Phase Epitaxy). Ausgangsstoffe sind beispielsweise metallorganische Verbindungen wie Trimethylgallium und Ammoniak (als Stickstoffquelle). Diese Gase werden über das heiße Substrat (etwa Saphir) geleitet, wo sie sich dann thermisch zersetzen und als GaN abscheiden. So wachsen hauchdünne Schichten, nur wenige Atom lagen übereinander. Galliumnitrid ist tückisch: Es wächst sozusagen nur ungern gleichmäßig und bildet schnell Defekte; Störungen im Kristallgitter, die zu einer drastischen Reduzierung der Lichtemission und Effizienz führen. Kneissl: „Der Trick ist es nun, Epitaxieverfahren zu entwickeln, die es gestatten hochqualitative kristalline Schichten abzuscheiden.“

Es reicht jedoch nicht, richtig dotierte GaN-Schichten wachsen zu lassen. „Wir machen uns zuvor schon Gedanken um das Design der Bauelemente“, erläutert Michael Kneissl. „Da geht es darum, winzigste Strukturen zu erzeugen, die von Barrieren und weiteren Schichten umgeben sind.“ Diese Strukturen heißen Quantentöpfe und sind nur drei bis vier Nanometer klein. Ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter, ein menschliches Haar ist 50.000 Nanometer dick (0,05 Millimeter). Beim Design der Bauteile helfen Computerprogramme.

Nur: „Das Material, mit dem wir arbeiten, ist noch relativ neu, viele seiner Eigenschaften sind gar nicht oder nur ungenau bekannt“, sagt Kneissl. Das hat die fatale Folge, dass die Simulationen auf dem Computer ebenfalls große Ungenauigkeiten aufweisen, denn die Programme arbeiten mit den physikalischen und chemischen Eigenschaften der Materialien. Daher ist Kneissl nicht nur an der anwendungsorientierten Forschung interessiert, sondern auch an den Grundlagen. „Mit meinen beiden Arbeitsgruppen kann ich das hervorragend verzahnen“, sagt der Forscher. Eine davon forscht am FBH, die andere an der TU.

Forschungsverbund Berlin e.V.

Weitere Informationen

Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik / TU Berlin
Prof. Dr. Michael Kneissl
Tel.: 030 / 3 14-2 25 63

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Bruchmechanik
Element-Mapping
Prüfung von Kunststoffen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Keramographie
Korrosionstests
Barriere-Eigenschaften
Thermographie
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Composites
Schadensanalyse von Bauteilen
Medizintechnische Untersuchungen
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Coatings
Untersuchung von Diffusionsschichten
Metallographie
Charakterisierung von Katalysatoren
Automotive Testing
Bruchmechanik
Element-Mapping
Prüfung von Kunststoffen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Keramographie
Korrosionstests
Barriere-Eigenschaften
Thermographie
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Gefüge-Analytik
Charakterisierung von Fügetechnologien
Charakterisierung von Composites
Schadensanalyse von Bauteilen
Medizintechnische Untersuchungen
Schadensanalyse von Produkten
Charakterisierung von Coatings
Untersuchung von Diffusionsschichten
Metallographie
Charakterisierung von Katalysatoren
Automotive Testing
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Atom
Ein Atom – von gr. atomos: unteilbar – ist der kleinste, mit chemischen Methoden nicht weiter teilbare, Baustein der Materie. Jedes Atom gehört zu einem bestimmten chemischen Element und trägt keine elektrische Ladung.
Dotierung
Unter einer Dotierung versteht man das gezielte Einbringen von Fremdatomen in ein anderes Material in sehr geringer Konzentration. Durch eine Dotierung werden neue Materialeigenschaften maßgeschneidert eingestellt – typischerweise lässt sich die Leitfähigkeit oder die Kristallstruktur gezielt modifizieren.
GaN
Galliumnitrid (GaN) ist ein III-V-Halbleiter, der durch eine große Bandlücke charakterisiert ist.
Halbleiter
Halbleiter sind Festkörper (Elemente oder Verbindungen), die hinsichtlich ihrer elektrischen Leitfähigkeit sowohl als Leiter als auch als Nichtleiter betrachtet werden können. Die Zunahme der elektrischen Leitfähigkeit mit steigender Temperatur ist charakteristisch für Halbleitermaterialien.
Laser
Laser steht für „Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation“ – übersetzt: „Lichtverstärkung durch stimulierte Emission von Strahlung“. Laser sind künstliche Strahlungsquellen, deren Strahlung durch ein sehr enges Frequenzspektrum, hohe Parallelität und eine große Kohärenzlänge charakterisiert ist.
Nanometer
Ein Nanometer entspricht dem milliardsten Teil eines Meters (10-9 m = 1nm) – diese Dimension ist ungefähr 70.000 mal dünner als ein menschliches Haar.
Phase
In den Materialwissenschaften versteht man unter einer Phase einen homogenen Stoffbereich, indem es zu keinen sprunghaften Änderungen der physikalischen Eigenschaften und der chemischen Zusammensetzung kommt.
Quecksilber
Quecksilber (Hg, Dichte: 13,54 g/cm3, Fp: -38,8 °C) ist ein silberweißes, metallisch glänzendes und flüssiges Schwermetall mit edlem Charakter. Quecksilber bildet mit zahlreichen Metallen Legierungen, die so genannten Amalgame. Im Vergleich zu anderen Metallen leitet Quecksilber den elektrischen Strom schlecht. Quecksilber bildet aufgrund seiner starken Kohäsion linsenförmige und leichtbewegliche Tropfen; die hohe wirkende Oberflächenspannung verhindert eine Benetzung von Unterlagen. Verwendung: Messgeräte, Amalgame, Elektrolyse.
Substrat
In den Materialwissenschaften wird unter einem Substrat das zu behandelnde Material verstanden. In aller Regel wird die Oberfläche des Substrats veredelt, beschichtet oder modifiziert, um maßgeschneiderte Anforderungsprofile einzustellen.