MMaterialNews vom 30.06.2011

Neue Materialien: Vollständig mischbare Nanokomposite

Polymere Nanokomposite gelten in Wissenschaft und Industrie immer stärker als Materialien, die den Fortschritt im 21. Jahrhundert entscheidend mitbestimmen werden. Sie bestehen aus einer Kunststoffmatrix und aus Nanopartikeln, die als Füllstoffe in die Matrix eingesetzt werden.
Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Stephan Förster, Universität Bayreuth, hat jetzt ein Verfahren entwickelt, das den Weg zur Herstellung neuartiger – nämlich vollständig mischbarer – Nanokomposite öffnet. In diesen Materialien steckt ein äußerst vielseitiges Potenzial für technologische Innovationen. In der Zeitschrift "Angewandte Chemie" stellen die Wissenschaftler ihre bahnbrechende Entwicklung vor.

Nanopartikel sind winzige Teilchen mit einem Durchmesser von weniger als 100 Nanometern. Sie können als Füllstoffe in Kunststoffe eingebracht werden. Allerdings haben sie die Tendenz, innerhalb der Kunststoffmatrix zu verklumpen. Sie verteilen sich daher nicht als vereinzelte Teilchen in allen Abschnitten der Matrix, sondern sie lagern sich an wenigen Stellen der Matrix zusammen. Die Ursache hierfür liegt darin, dass die Nanopartikel im Zustand der Verklumpung erheblich weniger Grenzflächenenergie aufwenden müssen, als wenn sie einzeln im Kunststoff vorliegen würden.

Doch für industrielle Anwendungen sind polymere Nanokomposite viel attraktiver, wenn sich die einzelnen Nanopartikel separat im Kunststoff verteilen. Denn in diesem Fall zeichnen sich die neuen Materialien durch eine erheblich bessere Transparenz aus, während sie aufgrund der verklumpten Nanopartikel trübe und undurchsichtig werden. Zudem ist die elektrische und thermische Leitfähigkeit der Materialien umso stärker ausgeprägt, je gleichmäßiger sich die Nanopartikel im Kunststoff verteilen. Nicht zuletzt sind die Materialien dann auch hitzebeständiger und weniger leicht entflammbar.

Wie aber lässt sich die Verklumpung der in die Kunststoffmatrix eingeführten Nanopartikel verhindern? Zur Lösung dieses Problems hat Prof. Dr. Stephan Förster, in Kooperation mit Wissenschaftlern der Universität Hamburg, eine neue Forschungsidee entwickelt und im Labormaßstab bereits erfolgreich umgesetzt. Ausgangspunkt des Verfahrens sind Polymerketten. Am Ende jeder Kette wird ein Haftungsmolekül befestigt. Wie mit einem Enterhaken hängt sich die Polymerkette mit diesem Molekül an ein Nanopartikel an; und zwar so, dass sie mit ihrem einen Ende nahezu senkrecht auf der Oberfläche des Partikels steht, während ihr anderes Ende nach außen absteht. Auf diese Weise erhält jedes Nanopartikel eine aus Polymerketten bestehende Rundum-Beschichtung, die aussieht wie eine kugelförmige Bürste. Die wie Borsten nach außen abstehenden Polymerketten verhindern, dass sich die Nanopartikel allzu nahekommen, wenn sie in die Kunststoffmatrix eingebracht werden. Sie bleiben als vereinzelte Partikel erhalten, während die Polymerketten in den Kunststoff eingearbeitet werden.

Damit ist der Weg frei, um anspruchsvolle Funktionsmaterialien herzustellen, bei denen separate Nanopartikel in alle Abschnitte der Kunststoffmatrix eingelagert sind. Die Eigenschaften und Verhaltensweisen eines derartigen Nanokomposits hängen wesentlich davon ab, wie weit benachbarte Nanopartikel voneinander entfernt sind. Diese Abstände lassen sich während der Herstellung mit großer Genauigkeit regulieren. Auch die chemische Zusammensetzung der Nanopartikel kann variieren und hat einen erheblichen Einfluss auf das entstehende Material. Daher ermöglicht das neue Verfahren ein zielgenaues Design polymerer Nanokomposite, die infolge ihrer inneren Zusammensetzung spezifische Eigenschaften und Verhaltensweisen aufweisen.

Von besonderem Interesse sind Halbleiter-Nanopartikel, wie z.B. cadmiumhaltige Verbindungen. Wenn es gelingt, sie im Industriemaßstab flächendeckend in einer Kunststoffmatrix zu verteilen, öffnen sich interessante Perspektiven für die Energietechnik. Denn derartige Nanokomposite eignen sich voraussichtlich für den Bau hochleistungsfähiger Solarzellen, die in der Lage sind, einen hohen Anteil der gespeicherten Lichtenergie in elektrischen Strom umzuwandeln. Attraktiv scheinen auch Forschungen mit eisenhaltigen Nanopartikeln, die in großer Dichte in eine Kunststoffmatrix eingebracht werden. Dadurch lassen sich möglicherweise auf engstem Raum sehr hohe Kapazitäten für die magnetische Speicherung von Informationen erzielen.

"In den nächsten Jahren wollen wir ein breites Spektrum von Nanokompositen im Labormaßstab herstellen und hinsichtlich ihrer Eigenschaftsprofile und Anwendungspotenziale untersuchen", erklärt Prof. Dr. Stephan Förster. "Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir mit dem neuen Beschichtungsverfahren innovative Funktionsmaterialien entwickeln können, die uns mit ihrer außergewöhnlichen Leistungsfähigkeit noch überraschen werden."

Quelle: Universität Bayreuth - 29.06.2011.

Veröffentlichung:

Steffen Fischer, Andrea Salcher, Andreas Kornowski, Horst Weller, and Stephan Förster, Completely Miscible Nanocomposites, in: Angewandte Chemie International Edition, 2011, Volume 50, Article first published online: June 3, 2011. DOI-Bookmark: 10.1002/anie.201006746

Weitere Informationen

Prof. Dr. Stephan Förster
Lehrstuhl Physikalische Chemie I
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Tel: +49 (0)921 / 55–2760

Recherchiert und dokumentiert von:

Dr.-Ing. Christoph Konetschny, Materialberater, Inhaber Materialsgate
Die Recherche und Aufbereitung der in diesem Dokument genannten Daten erfolgte mit größter Sorgfalt.
Für die Richtigkeit, Gültigkeit, Verfügbarkeit und Anwendbarkeit der genannten Daten übernehmen wir zu keinem Zeitpunkt die Haftung.
Bitte diskutieren Sie die Verwendung und Eignung für Ihren konkreten Anwendungsfall mit den Experten der genannten Institution.

Sie wünschen Material- und Technologierecherchen zu diesem Thema?

Materialsgate steht für hochwertige Werkstoffberatung und innovative Materialrecherchen.
Nutzen Sie unseren Beratungsservice

MMehr zu diesem Thema

Den von der COMMERZBANK AG geförderten Innovationspreis des Leibniz-Instituts für Polymerforschung Dresden e. V. (IPF) und des Vereins zur Förderung des IPF erhalten in diesem Jahr Dr. Amit Das, Dr. Klaus Werner Stöckelhuber und René Jurk. Gewürdigt werden damit ihre Arbeiten zu elastomeren Nanokompositen, die dem altbekannten Werkstoff Gummi durch den Einsatz neuartiger nanoskaliger Füllstoffe ganz neue Eigenschaftsprofile und Anwendungsfelder eröffnen.
Die Besonderheit der ausgezeichneten Gruppe am IPF, die unter der Leitung von Prof. Dr. Gert Heinrich arbeitet, besteht in der Ganzheitlichkeit ihres Ansatzes in der Elastomermaterialforschung. Die Forscher entwickeln innovative Rezeptur- und Mischverfahren sowie Systeme der Verträglichkeitsvermittlung, die den Einsatz neuartiger Füllstoffsysteme (Kohlenstoffnanoröhren, Schichtsilikate wie Montmorillonit und Hydrotalkit, Silicapartikel, Halloysite-Nanoröhren) in Elastomeren erlauben. Dafür passen... mehr
Chitin–Siliciumdioxid-Nanokomposite per Selbstorganisation und Sol-Gel-Chemie
Selbstorganisationsprozesse chemischer Bausteine sind die Basis für viele biologische Vorgänge, zunehmend stoßen sie auch auf Interesse im Bereich der Materialsynthese. Beispielsweise um hochgeordnete Nanokomposite oder hochporöse Materialien mit besonderen Eigenschaften herzustellen. In der Zeitschrift Angewandte Chemie stellen Bruno Alonso und Emmanuel Belamie vom Institut Charles Gerhardt aus Montpellier (Frankreich) einen neuartigen, sehr vielseitigen Ansatz vor, mit dem die Synthese einer... mehr
+ + + Physiker finden wichtigen Mechanismus für den Zerfall von Nanokomposite + + + Veröffentlichung in "Nature Nanotechnologie" + + +
Einer Kooperation von Forschern der Universitäten Freiburg und Dortmund sowie des Freiburger Fraunhofer Instituts für Werkstoffmechanik ist es gelungen, in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift "Nature Nanotechnology" einen Beitrag zu platzieren. Der Artikel fasst ihre Arbeiten zu den Eigenschaften von kleinsten Metall-Nanopartikeln zusammen. Die Physiker haben die Partikel auf einen Film aus kugelförmigen C60-Kohlenstoffmolekülen aufgebracht und festgestellt, dass... mehr
RSS
facebook
xing
twitter
linkedin

MaterialCards Weekly

Ihr persönlicher und kostenfreier Material-Reminder - wöchentlich per E-Mail

Service:
Material­cha­rak­teri­sierung und Werkstoffprüfung

Sie benötigen leistungsfähigste Methoden der Material­cha­rak­teri­sierung und Werk­stoff­prü­fung zur Optimierung Ihrer Produkte?
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Composites
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Fügetechnologien
Thermographie
Medizintechnische Untersuchungen
Schadensanalyse von Produkten
Element-Mapping
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Prüfung von Kunststoffen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Automotive Testing
Charakterisierung von Coatings
Barriere-Eigenschaften
Metallographie
Korrosionstests
Keramographie
Bruchmechanik
Gefüge-Analytik
Schadensanalyse von Bauteilen
Charakterisierung von Composites
Untersuchung von Diffusionsschichten
Charakterisierung von Katalysatoren
Charakterisierung von Fügetechnologien
Thermographie
Medizintechnische Untersuchungen
Schadensanalyse von Produkten
Element-Mapping
Prüfung von Werkstoffen der Elektrotechnik
Prüfung von Kunststoffen
Charakterisierung von Nanobeschichtungen
Automotive Testing
Charakterisierung von Coatings
Barriere-Eigenschaften
Metallographie
Korrosionstests
Keramographie
Bruchmechanik
Kontaktieren Sie uns – Wir leiten Ihre Fragestellung an einen unserer Kooperationspartner weiter, die alle anerkannte und zertifizierte Prüf­la­bore mit modernster Ausstattung be­treiben.

Empfohlene Literatur

Kurt E. Geckeler, Hiroyuki Nishide
Wiley-VCH
Kenneth J. Klabunde, Ryan M. Richards
John Wiley & Sons
Jamal Takadoum
ISTE Ltd and John Wiley & Sons

Empfohlene MaterialCards

Materialsgate Glossar

Chemie
Die Chemie ist eine exakte Naturwissenschaft. Sie beschäftigt sich mit dem Aufbau, den Eigenschaften und der Umwandlung von Stoffen. Chemische Vorgänge gehen immer mit einer Stoffänderung einher.
Dichte
Die Dichte eines Materials ist das Verhältnis seiner Masse zu seinem Volumen.
Halbleiter
Halbleiter sind Festkörper (Elemente oder Verbindungen), die hinsichtlich ihrer elektrischen Leitfähigkeit sowohl als Leiter als auch als Nichtleiter betrachtet werden können. Die Zunahme der elektrischen Leitfähigkeit mit steigender Temperatur ist charakteristisch für Halbleitermaterialien.
Lösung
Als Lösungen werden in den Naturwissenschaften homogene (d. h. einphasige) Stoffsysteme bezeichnet, die aus mindestens zwei chemisch reinen Stoffen aufgebaut sind. Eine Lösung enthält einen oder mehrere gelöste Stoffe und ein Lösungsmittel.
Molekül
Ein Molekül ist ein Teilchen, das aus mindestens zwei – gleichartigen oder verschiedenartigen – Atomen aufgebaut ist, welche durch kovalente Bindungen (Atombindungen) verbunden sind.
Nanopartikel
Unter einem Nanopartikel versteht man den Verbund von einigen wenigen bis mehreren tausend Atomen oder Molekülen. Der Begriff bezieht sich auf die Größe der resultierenden Teilchen, die typischerweise zwischen 1 und 100 Nanometern liegt.
Oberfläche
Unter einer Oberfläche versteht man die Fläche zwischen einer festen und einer gasförmigen Phase.
Partikel
Als Partikel werden kleine Festkörperteilchen bezeichnet. Partikel sind typischerweise die festen Bestandteile von dispersen Systemen wie Aerosolen und Suspensionen.
Transparenz
Die Transparenz ist eine optische Materialeigenschaft. Sie charakterisiert die Durchlässigkeit von Werkstoffen und Materialien für elektromagnetische Strahlung. Im Bereich des sichtbaren Lichtes (Wellenlängenbereich etwa 400 bis 800 nm) nutzt man auch den Begriff Durchsichtigkeit.